Montag, 9. März 2015

Meine Essstörung - Wie ich heute dazu stehe

"gibt es eine möglichkeit jemanden der ana und mia in sein leben gelassen hat zu helfen? oder ist man da als elternteil vollkommen aufgeschmissen und auf pure selbsterkenntnis angewiesen?"

Diesen Kommentar bekam ich vorletzte Woche von Unah Luna auf meiner Seite Ana/Mia. In der Hoffnung, dass Du diese Zeilen liest, liebe Unah, möchte ich Dir sagen, dass es mir schwer fällt, eine Antwort auf Deine Fragen zu finden. Ich kenne nur meine Sicht als Betroffene und während meiner Essstörungszeit hatte ich keine Eltern, die sich um mich sorgten. Aber Deine Worte haben ich zum Nachdenken gebracht. Und auch wenn ich Dir keinen Rat geben kann, wollte ich meine Gedanken gerne teilen.

Immer wieder bekomme ich Kommentare, die sich auf Essstörungen und Pro Ana/Mia beziehen. Kein Wunder: Bei der Google-Suche nach gängigen Pro-Ana- und Mia-Begriffen ist ElfenTraum(a): Ana/Mia (aktualisiert) als eines der ersten Ergebnisse gelistet. Die Seite Ana/Mia hat aktuell 17.566 Aufrufe und liegt damit weit vor allen anderen Inhalten auf meinem Blog.
Oft ärgere ich mich darüber, wenn mich schon wieder ein 14-jähriges Mädchen nach Kotztipps fragt oder Werbung für eine "strenge Pro Ana Gruppe"  im Gästebuch auftaucht. Ihr bekommt von diesen Kommentaren wenig mit, weil ich sie umgehend als Spam markiere oder entferne. Mein Blog beschäftigt sich nicht mehr mit Essstörungen und ich will damit nichts zu tun haben!, denke ich dann. Aber es gibt auch Menschen, die sich dafür bedanken, dass ich meine Geschichte mit ihnen teile, mir Fragen stellen oder mich für die Teilnahme an einer Umfrage gewinnen wollen. Diese Kommentare sollten mich nicht ärgern und haben es doch getan.
Ich wollte nie eines dieser Mädchen sein, die sich nach der Krankheit komplett vom Thema Essstörung distanzieren und auf andere Betroffene herabschauen oder sie gar verurteilen. Das habe ich nie verstanden. Jetzt weiß ich, dass es mitunter wichtig ist, Distanz zu wahren. Mein wichtigster Schritt war, mich vollständig aus dem Essstörungsforum zurückzuziehen. Trotzdem gehören diese zweieinhalb Jahre, die ich der Essstörung geschenkt habe, zu mir und zu meinem Leben. Viele wichtige Dinge sind in dieser Zeit passiert. Ich bin 18 geworden, habe meine erste eigene Wohnung bezogen, mein Abitur gemacht, bin nach Berlin umgezogen und habe angefangen zu studieren. Eine wichtige Freundschaft hing mit der Essstörung zusammen. Menschen, die mir zum Teil bis heute sehr wichtig sind, habe ich durch sie erst kennengelernt. Sunny und die Wintermädels seien hier genannt.
Eine Essstörung dauert meist mehrere Jahre und ist deshalb nicht nur mit negativen Erlebnissen verbunden. Sie wird Teil des Alltags und zeitweise gar nicht als störend empfunden.

Nun bin ich seit fast einem Jahr essstörungsfrei und doch immer noch betroffen. Das liegt aber nicht allein an den Kommentaren oder daran, dass auf meinem Blog 41 Posts mit dem Label Essstörung existieren. Ich habe nie einen reinen Essstörungs- oder gar Pro-Ana-Blog geführt. Das wird durch die Listung auf Google häufig missverstanden. Dennoch kann und will ich nicht leugnen, dass die Essstörung anfangs eine große Rolle gespielt hat. Und sie ist immer noch da, irgendwo im Hinterkopf. Aber sie ist nicht mehr so wichtig. Mein Essverhalten heute ist vielleicht nicht normal oder sonderlich gesund, aber um Längen nicht mehr so gestört, wie noch vor einem Jahr.
Es ist seltsam, darüber zu schreiben, weil es mir so banal erscheint, das mit dem Essen. In den ersten Monaten, in denen die Essstörung in den Hintergrund getreten ist, ging es mir sehr gut. Einige Dinge in meinem Leben wendeten sich zum Guten. Ich fand eine Wohnung und einen Job, hatte gute Freunde und das Gefühl, wieder mehr ich selbst zu sein. Dann, im Juli, bekam mein "neues" Leben einen Knick. Ich hatte Liebeskummer, betäubte mich mit Deo und Selbstverletzungen, begegnete dem Zauberer, verlor meinen Job, isolierte mich und wurde mit Erinnerungen und Albträumen bombardiert. Nicht in dieser Reihenfolge, sondern alles auf einmal. Die Essstörung hatte mich beschützt und mein Unterbewusstsein bemerkte zu dieser Zeit wohl, dass sie nicht mehr da war.
Der Selbstschutzfaktor gab meiner Essstörung ihre Berechtigung. Und er war super: Meine größten Probleme waren die Zahl auf der Waage und die Kalorienangaben eines 0,1%-Fett-Joghurts. Sie verdrängten alles Schlechte und Unheimliche aus meinem Bewusstsein. Eine Essstörung ist wie Mathe: Geradlinig und logisch - zumindest für die Betroffenen. Und wenn diese Grundlage, diese Struktur einmal fehlt, kann ganz schnell alles zusammenbrechen.

Außenstehende sollten nicht nur den essgestörten Menschen akzeptieren. Sie müssen auch die Essstörung akzeptieren. Das ist nicht leicht, aber es bringt auch nichts, immer nur zu sagen: "Das ist nicht gut für dich, hör auf zu kotzen, iss doch mal was, du bist viel zu dünn." Niemand möchte zu hören bekommen, dass er alles im Leben falsch macht. Und eine Essstörung wird schnell zu Alles im Leben. Dass Leben so viel mehr bedeutet, muss einem manchmal erst jemand zeigen...
Ich habe ja nie Germanys Next Topmodel geschaut. Dieses Jahr habe ich mir die ersten Folgen angesehen, damit ich mir eine Meinung dazu bilden kann. Ich denke an all die Menschen, die ihre Thinspiration jetzt jede Woche im Fernsehen präsentiert bekommen. Diese Sendung verursacht vielleicht keine Essstörungen, fördert sie jedoch meiner Meinung nach. Um dem entgegen zu wirken, sollten wir uns auf die Fähigkeiten konzentrieren, die wir auch ohne Modelmaße besitzen. Ob wir nun musizieren, tanzen, zeichnen, fotografieren, zocken, schreiben oder boxen. Es gibt mindestens eine Sache, die wir besser können, als essgestört zu sein.

Meine Essstörung habe ich größtenteils allein in den Griff bekommen. Das liegt wohl daran, dass sie für mich "nur" ein Symptom darstellt, das andere Symptome abgelöst haben. Jede Essstörung ist individuell zu betrachten und bedarf einer individuellen Lösung. Es kann nicht falsch sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich entscheiden. Mir sind andere Dinge wichtiger geworden, als die Essstörung. Die körperlichen Auswirkungen und nicht zuletzt meine finanzielle Situation haben mich dazu gebracht, sie schließlich aufzugeben. Plötzlich hatte ich nicht mehr die Möglichkeit, ausreichend zu essen, weil ich es mir nicht leisten konnte. Nichts essen können ist etwas ganz anderes als sich das Essen zu verbieten. Das hat mir bewusst gemacht, welchen Wert Essen eigentlich hat. Essen auszukotzen oder wegzuwerfen würde mir ein schlechtes Gefühl geben, einfach weil dieses Essen bei jemand anderem besser aufgehoben wäre. Was meint ihr dazu?

Ich beglückwünsche diejenigen, die bis zum Ende dieses Monsterposts durchgehalten haben, ihr habt es geschafft! Habt noch einen schönen Abend. ♥

Kommentare:

  1. Ganz ehrlich, die Stelle mit dem Nichtessen können und wollen bringt mich grade sehr zum Nachdenken!
    Danke dafür

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  2. Liebe Lilly,

    deine Meinung "Ob wir nun musizieren, tanzen, zeichnen, fotografieren, zocken, schreiben oder boxen. Es gibt mindestens eine Sache, die wir besser können, als essgestört zu sein." gefällt mir sehr gut (:
    Ich bin der gleichen Meinung und du kannst stolz auf dich sein, dass du es geschafft hast, deine Essstörung hinter dir zu lassen!

    Ich wünsche dir, dass dir noch viele weitere Dinge im Leben begegnen, die dir wichtiger werden können, als es die Essstörung jemals war.

    Alles Liebe,
    Feli

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  3. Lilly. Ich mag dich wirklich und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mir hilft, deine Worte zu lesen - ob sie nun an mich persönlich gerichtet sind, oder ob du hier in deinem Blog etwas postest. Ich bin dir dankbar!

    Ich glaube, du bekommst viel zu selten gesagt, wie großartig du eigentlich bist! Danke für all deine Unterstützung - in der Hoffnung, für dich irgendwie auch etwas tun zu können - egal, ob es dir schlecht, oder ob es dir gerade gut geht. :)
    Alles Liebe, Emma♥

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