Sonntag, 22. März 2015

Ganz Kaputt

Ganz viel, ganz doll, ganz schnell. Das sagen meistens Kinder.
Gaaanz groß, sagen sie und stehen mit offenen Mündern vor dem Spielzeugturm.
Ganz toll, ganz bestimmt, ganz hübsch, ganz nett, ganz gut, sagen die Erwachsenen. Dabei rollen sie mit den Augen.
Ganz ist das Gegenteil von Kaputt. Das sollte man bedenken, wenn man dieses Wort gebraucht.
Kinder sagen ganz, um das folgende Wort zu bestärken.
Erwachsene werten es damit ab.
Sie machen das Wort kaputt, wenn sie ganz davor setzen.
Ganz kaputt. Und kompliziert ist die Erwachsenenwelt.

Das ganze, allumfassende Ganze. Geleitet von ... Gott?
Lieber Gott?
Strafender Gott?
Allwissender Gott?

Ich musste zwei Texte schreiben über die religiöse Entwicklung von Kindern. Nun frage ich mich: Warum, liebe Eltern, habt ihr nicht einen einzigen Erziehungsratgeber gelesen?
Natürlich. Weil ihr allwissend seid.
Übernatürlich.
Übermächtig.
Überheblich.
Ich wundere mich nicht, dass ich als Kind glaubte, ihr könntet meine Gedanken lesen, dass ich mein Zimmer regelmäßig auf Kameras untersuchte und dass ich mich ständig beobachtet fühlte. Vielleicht habe ich euch mit Gott verwechselt. Oder seid ihr drei zu einem großen Ganzen verschwommen?
Größe.
Macht.
Gewalt.
Damit konfrontiertet ihr mich immer wieder. Ihr bezeichnetet mich als Strafe Gottes und fragtet euch, womit ihr diese nur verdient hättet? Ihr sagtet, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Er wisse um jeden meiner Fehltritte. Ich sollte ehrfüchtig sein. Ehr. Fürchtig. Ich erweise Euch die Ehre, mich zu fürchten.
Du sollst Mutter und Vater ehren.
Du sollst gehorchen.
Sei bescheiden.
Senk den Blick.
Bewege dich lautlos.
Knie nieder!
Bevor du die Kirchbank betrittst.

Mein Vater ist nicht getauft und angeblich auch nicht gläubig. Dennoch kennt er sich in der Bibel besser aus als meine katholische Mutter, die erst mit uns zu den Gottesdiensten ging, als wir Kommunionsunterricht beim Pfarrer erhielten. Vielleicht haben sie eine andere Vorstellung von Religion, als die Kirche, vielleicht ist sie ihnen nicht streng genug. Als ich mit neun Jahren bei der ersten Beichte mit Grabesstimme meine Sünden vortrug, lachte der Pfarrer an manchen Stellen. Ich erinnere mich nicht mehr an die kindlichen Vergehen. Ich weiß nur noch, wie sehr ich mich schämte. Wir saßen einander gegenüber, in einem kleinen Raum, nicht im finsteren Beichtstuhl. Am Ende haben wir die Zettel mit den Sünden verbrannt. Ich weiß noch, wie ich im Pfarrhaus vor dem Spiegel stand und die gelblich violette Beule auf meiner Stirn betrachtete. Ich war beim Spielen mit der Kommunionsgruppe hingefallen. Ob das eine Strafe Gottes war?

Mit 13 und 14, vielleicht auch noch mit 15 Jahren ging ich sonntags meist allein in die zu Fuß nur zehn Minuten entfernte Kirche. Auf dem Weg traf ich unsere Nachbarn, die zwei kleine Kinder hatten und eine so ganz andere Familie waren als wir. Fern von der heimischen Sonntagsfrühstückshysterie genoss ich die Ruhe und die Rituale. Ich brauchte nicht nachzudenken, kannte ich doch den Wortlaut der Gebete und Bekenntnisse, wusste ich doch, wann ich aufstehen und wann niederknien musste. Trotzdem war ich darauf bedacht, alles richtig zu machen. Nach der Eucharistie schaute ich vorsichtig nach rechts und links, wie lange die anderen in ihr Gebet versunken blieben. Erst wenn sie sich wieder setzten, tat ich es auch. Am aufregendsten fand ich es, wenn sich alle die Hand gaben und Friede sei mit Dir sagten. Ich fand es seltsam, diese fremden Erwachsenen zu duzen, während ich selbst meine Eltern ab und zu mit Sie ansprechen musste. Manche Hände waren kalt, andere feucht. Manche Menschen sahen mich misstrauisch an, andere lächelten freundlich. Ich wollte gerne glauben, dass dort oben jemand auf mich Acht gibt und mich beschützt, wenn ich nur alles tat, was von mir erwartet wurde. Heute frage ich mich, wie ich das so ernst nehmen konnte. Wieso ich mich tausendmal entschuldigte und mit dem Schlimmsten rechnete, wenn ich einmal einen Gottesdienst verschlief. Haben alle Kinder Angst vorm lieben Gott?

Meine Freundin Jo, mit der ich ein Internatszimmer teilte, hatte eine ganz andere Glaubensvorstellung, die so stark war, dass sie mir manchmal etwas kindisch vorkam. Als ich einige Wochenenden bei ihr zu Hause verbrachte, schenkte mir ihre Mutter, die später für mich das Jugendamt kontaktierte, eine Weihnachtskarte. Darin stand: "Liebe Lilly, verlier nicht den Mut und die Hoffnung. Vertrau auf Gott und sei stark." In Gegenwart mir überlegener Menschen verhalte ich mich immer noch oft unterwürfig und manchmal zensiere ich meine eigenen Gedanken. Wie hätte ich jemandem vertrauen können, der mich auf Schritt und Tritt verfolgte?
Vielleicht gibt es zwei Götter, dort oben im Himmel. Jos Gott, der sie auffängt und ihr Kraft gibt. Und den Gott, der alle bestraft. Sicher streiten sich die beiden oft. Vielleicht ist einer von ihnen auch nur das verzerrte Abbild meiner Eltern und ihrer übermächtigen Macht über mich...

Sie haben das Ganze kaputt gemacht.
Ganz Kaputt.

Aber ich mache es wieder ganz, das kaputte Ganze.
Das verspreche ich ganz fest.

Kommentare:

  1. Hey meine liebe Lily! :)
    Tut mir Leid, dass ich dir so lange nicht geantwortet hab, aber hmm, du weißt ja. :D War in letzter Zeit einfach wenig bei Blogger. Aber danke für deine aufbauenden Kommentare! :)
    Und ach, das was du zu Lilys Lesung geschrieben hast, kann ich so gut nachvollziehen.. Ich weiß noch, wie bei uns damals so eine ganz besondere Stimmung in dem Raum war, irgendwann. Es war so schön, zu sehen, wie sie die Menschen irgendwie zusammenbringen konnte, und das durch den Schmerz, was irgendwie so paradox ist, aber gleichzeitig so hoffnungsgebend...
    Ich drück dich ganz fest. <3

    AntwortenLöschen
  2. "mein Zimmer regelmäßig auf Kameras untersuchte" Oja, wie sehr ich das nachvollziehen kann... Ich wünschte, sowas hätte dir nie geschehen müssen...
    "Fern von der heimischen Sonntagsfrühstückshysterie genoss ich die Ruhe und die Rituale. Ich brauchte nicht nachzudenken, kannte ich doch den Wortlaut der Gebete und Bekenntnisse, wusste ich doch, wann ich aufstehen und wann niederknien musste. Trotzdem war ich darauf bedacht, alles richtig zu machen. Nach der Eucharistie schaute ich vorsichtig nach rechts und links, wie lange die anderen in ihr Gebet versunken blieben. Erst wenn sie sich wieder setzten, tat ich es auch. Am aufregendsten fand ich es, wenn sich alle die Hand gaben und Friede sei mit Dir sagten. Ich fand es seltsam, diese fremden Erwachsenen zu duzen" Diese ganzen Worte könnten von mir stammen... Es tut mir so leid, dass du das alles auch mitmachen musstest, denn ich kann es nur zu gut nachvollziehen. Ich weiß, wie du dich gefühlt haben musst, denn ich musste das auch alles erleben. Ich habe mich damals gern in die sonntäglichen Gottesdienste geflüchtet, weil dort alles so vertraut war und fernab von diesem freundlich-elterlichem Getue... Doch irgendwann zweifelte ich daran, an dem Glauben an Gott und irgendwann verlor ich den Glauben ganz.
    Ich denke ganz doll an dich und drücke dich ganz lieb und fest ♥
    deine Lucy

    AntwortenLöschen
  3. Oh man, das Zimmer nach Kameras absuchen, das habe ich auch gemacht. Krass, zu was einen die Eltern so bringen, eigentlich sollte man doch besonders zu Hause keinen Gedanken an soetwas verschwenden müssen.

    Das mit dem Glauben ist auch interessant. Wo ist denn dieser 'tolle' Gott? Wieso gibt es überall Ungerechtigkeiten, sind all diese Leute gestrafft und auf Probe? Oder ist Gott einfach ein A*sch? Hmmm...

    Ich wünsche dir einen guten Start in die Woche. :)

    AntwortenLöschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).