Dienstag, 17. März 2015

"Da vorne wartet die Zeit..."

Liebe Lilly,
da stand ich nun vor dir und konnte gar nichts sagen. Weil ich weinen musste. So sehr, dass eine meiner Kontaktlinsen mit den Tränen fortgeschwommen ist. Du hast mich ganz lange umarmt und gesagt "Es tut mir so leid". Ich könnte schon wieder weinen, wenn ich daran denke. Ich musste gar nichts sagen. Du hast auch so gesehen, dass ich weiß, wie man unter Wasser atmet. Du hast mir geglaubt, ohne dass ich jedes Detail meiner Geschichte immer und immer wiederholen musste. Das ist mir noch nicht oft passiert.
Meine Eltern sind gebildet. Sie haben studiert und beide einen festen Job. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit rosafarbenen Wänden und ein Bett voller schöner Kuscheltiere. Das steht in dem Gutachten zu meiner Glaubwürdigkeit. Denn Menschen, die ihre Kinder auf Internate schicken und sie Musikinstrumente lernen lassen, können nicht brutal und grausam sein.
Das ist jetzt drei erwachsene und zwei Kinderheimjahre her.
Als Du mich umarmt hast, ist alles so real geworden. Du bist real geworden. Denn auch wenn in deinem Buch steht, dass die Geschichte wahr ist, war es für mich immer noch ein Buch. Ein gebundener Stapel bedrucktes Papier. Weit weg von meiner eigenen Wirklichkeit. Obwohl ich in der selben Stadt lebe wie Du. Auch wenn ich eine Zeit lang ein rotes Armband und rote Linien getragen habe. Meine Geschichte ist eine andere als deine. Trotzdem finde ich mich in deinen schönen Worten wieder.
Ich bin so froh, dass Kiwi die ganze Zeit neben mir saß. Ohne sie hätte ich deine Bücher vielleicht gar nicht gelesen. Und ohne dich hätten Kiwi und ich uns nie getroffen. Für deine Lesung kam sie das erste Mal nach Berlin und verliebte sich in diese Stadt. Im letzten Sommer saß ich mit Kiwi und D. auf dem Alexanderplatz und wir lernten das Außen kennen, das zu dem Innen gehörte, von dem wir auf unseren Blogs gelesen hatten.
Deine Lesung ist wie eine Insel. Eine kleine bunte Insel für all die Unterwassermenschentiere. Sie war so, als läge das Innen ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Ich habe den Papierhai angestarrt. Sein Auge war mein Punkt zum Festhalten. Und an mir selbst, da habe ich mich auch festgehalten. Damit ich jedes deiner Worte höre, ohne davonzudriften.
Danke, liebe Lilly, für deine Worte, für deine Umarmung. Noch nie hat mich eine Person aus der Öffentlichkeit so sehr berührt, dass ich tatsächlich zum Stift gegriffen und ihr einen Brief geschrieben hätte. Dabei kannst Du dich bestimmt kaum retten vor Briefen mit traurigen Geschichten. Und jetzt sitze ich hier, auf dem großen Feld unter meiner Lieblingsbirke, und sehe zu, wie der Horizent die glutrote Sonne verschluckt. Gleich ist sie weg. Dann verschwinden auch bald die bunten Drachen, an denen die Menschen mit den Rollen unter den Füßen hängen.
Vielleicht schreibe ich auch ein Buch. Irgendwann, wenn ich nicht mehr so verschwommen sehe. Du inspirierst mich sehr. Pass auf dich auf und schreib noch ganz viele Bücher.
Alles Liebe,
L


In den nächsten Tagen folgt vielleicht ein ausführlicherer Bericht zur Lilly-Lindner-Lesung und zur Kiwi-Zeit.

Kommentare:

  1. Was für wundervoll traurige Worte. Berührt mich sehr...
    Eine ganz liebe Umarmung ♥

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  2. Du hast das so schön geschrieben, Mi-Suse! <3
    So wunderschön...

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  3. Ja Lilly ist echt ein schöner Name :D hihi

    Wirklich wunderschön geschriebener Text :)

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  4. Lillyfee <3
    Weißt du, es muss nicht die Familie sein. Nicht das Blut bestimmt die Stärke der Bande, sondern die Verbundenheit. Es wird Menschen in deinem Leben geben, die dir das Gefühl geben werden, besonders zu sein. Das sind die Menschen, die dich vergessen lassen.

    Glitzer und Feenstaub, Deal :D

    Dein Text ist sehr ergreifend. Ich denke, unter der "Flut der Briefe" wird sich Lilly doch immer an diesen erinnern können ...

    Kiwi-Zeit? Was ist denn die Kiwi-Zeit? :D

    Alles Liebe dir, ich drücke dich und lasse gaaanz lange nicht los.
    Lovely

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