Dienstag, 10. Februar 2015

Verkauft

Ein Obdachloser schleppt sich durch die U-Bahn, die Straßenzeitung an die Brust gepresst. Die Menschen halten sich angewidert ihre Nasen zu. Ich mag das nicht. Ich finde, das hat etwas mit Respekt zu tun. Vielleicht, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich jemand aus welchen Gründen auch immer vor dir ekelt.
Letzte Woche hatte ich eine Diskussion mit meinen Kommilitonen. Sie waren der Meinung, dass von der äußeren Erscheinung eines Menschen direkt auf dessen Charakter zu schließen sei. Jemand, der dick sei, oder ungestylet aus dem Haus ginge, ließe sich gehen, wäre faul, nicht ehrgeizig, unzuverlässig, chaotisch... So jemand brächte es nicht weit im Leben. Auch wären hübsche Menschen einem automatisch sympathischer als hässliche, wobei sich mir die Frage stellt, wer hübsch und hässlich definiert. Erschreckenderweise hatte sonst niemand Probeme mit diesen Aussagen und die Diskussion hat sich mit einem "Ist ja gut, Lilly, geh mal nicht so ab" erledigt.
Das erinnert mich an ein Bild aus meinem Grundschullesebuch. Auf der linken Seite waren zwei Männer abgebildet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der eine war blond, glatt rasiert, trug einen hellen Anzug und lächelte. Der andere hatte dunkles ungekämmtes Haar und einen struppigen Vollbart, trug zerschlissene Kleider und blickte finster drein. Auf der rechten Seite waren die Männer von hinten zu sehen. Der gepflegte Blonde hatte eine Axt in der Hand, der struppige Wilde eine Rose. So einfach erzählt und doch von vielen nicht verstanden. Fände ich das Bild irgendwo, ich würde es an alle schwarzen Bretter heften.
Du kannst nicht mit einem Blick auf Hintergründe schließen. Ja, du denkst, dir würde so etwas nie passieren. Und dann machst du einen Fehler, nur einen einzigen Fehler. Du tippst eine falsche Zahl in das Formular ein und schon kannst du dir nichts mehr zu Essen leisten. Du stehst mit acht Euro fünfzig im Supermarkt und weißt nicht, wie lange du damit auskommen musst. Du schiebst deinen letzten Euro in den Fahrkartenautomaten und hast Tränen in den Augen. Du trinkst ganz langsam deinen Cocktail und hoffst, niemand merkt, dass du nur diesen einen bestellt hast, während die anderen schon beim dritten sind. Du sagst, du bist totmüde, wenn du gefragt wirst, ob du mit feiern gehen willst. Du weinst, wenn deine Freunde aufhören dich zu fragen...
Die gepflegtesten Menschen sind Messies. Die dünnsten Mädchen sind unglücklich. In den heilsten Familien geschieht Gewalt. Das Leben ist nicht so wie die Nutella-Werbung. Die Werbung. Mit dem süßesten Lächeln verspottet sie die Wirklichkeit.  
"Kreativität heißt sich gut verkaufen können.", hat unser Dozent gesagt. Wisst ihr, was sich gut verkauft? - Titten, Tiere und Kleinkinder. Steht so in meinen Unterlagen. Hauptsächlich sabbernde Männer mittleren Alters stehen an der Tafel und analysieren mit uns Werbespots. Kaum ein kritisches Wort verlässt ihre Lippen. Dafür bläuen sie uns ein, wie wichtig es ist, dass wir uns gut verkaufen. Unsere Ideen müssen gekauft werden. Die Verkaufszahlen bestimmen unseren Wert. Wer nicht gekauft wird, kann sich nichts zu essen kaufen. Die Worte Kaufen und Verkaufen höre ich so oft, dass mir davon schwindlig wird. Vielleicht bin ich in der falschen Welt gelandet. Bin ich falsch für die Welt. Ich kann mich nicht verkaufen. Ich will das nicht. Das hat nichts mit Kunst zu tun. Ideen sind nur kreativ, wenn sie sich gut verkaufen. Meine Geschichten handeln aber nicht von Nutella-Familien, Super-Schlank-Rezepten und Glücksgarantien.
Warum tu ich mich so schwer mit meinem Leben? Was nicht passt wird passend gemacht. Warum kann ich mich nicht in Form pressen lassen? Wäre das nicht einfacher? Das Korsett so fest wie möglich zugeschnürt, in eine winzige Schublade gesperrt, begrenzt aber unversehrt. ...






Kommentare:

  1. Ich finde es gut, dass du dich nicht in eine Form pressen lässt!
    Die Aussagen deiner Komillitonen gehen ja gar nicht... diese Denkweise ist ja krass oberflächlich.
    Du kannst stolz auf dich sein, dass du nicht so bist. Dass du tiefgründiger bist und hinter die Fassade schaust, anstatt nur auf eine gelackte Oberfläche zu schauen.

    Fühl dich umarmt <3
    Alles Liebe,
    Kathi

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  2. ich verstehe nicht wie menschen so denken können. dass es voruteile gibt, und jeder mal in solchen denkt steht außer frage. aber wirklich nur schubladendenken?
    die idee von dir, wenn du das bild hättest, es an alle schwrazen bretter zu hängen ist irgendwie wunderschön.
    lass dich wirklich nicht in ein korsett zwingen und in irgendeiner schublade verschwinden.

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  3. ahhhh das Bild hatten wir auch!!!!

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  4. Ein wunderschöner Post, voll mit so viel Wahrheiten!
    Irgendwie macht es mich traurig, dass so viele Menschen so falsch denken, und das alles nicht sehen...
    ich kenne ein sehr ähnliches bild; soll ich dir den link dazu schicken, wenn ich es wiederfinde?
    Alles Liebe
    Sirène

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  5. hallo,
    ich war bisher eine stille Leserin, aber gerade fühle ich mich gezwungen, meinen Senf dazuzugeben. Dein Blog ist wirklich toll, ich freue mich über jeden neuen Post. Ich finde deine Ehrlichkeit großartig, auch wenn sie sich vielleicht nicht "gut verkauft". Und ich bewundere jeden Menschen, der sich in dieser Gesellschaft nicht in eine Schublade zwingen lässt.
    Deine Art zu schreiben ist so schön, und ich hoffe, du machst noch lange hier weiter! :)
    Ganz viele liebe Grüße, Marie

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  6. Hey du,
    bei dem Mitgefühl und dem Mitleid hast du recht, darüber habe ich noch gar nicht richtig nachgedacht. Das hole ich jetzt aber ziemlich schnell nach (: Diese Gedanken, die einen so faszinieren und man Antworten auf seine Fragen haben will – du kennst das ja. Danke, für deine wundervollen Worte letztens. Das habe ich da echt gerade gebraucht. So ein Stückchen von deiner Stärke zu spüren, dass hat auch mir Kraft gegeben. Außerdem hast du recht: wenn man von irgendjemanden zu hören bekommt wie scheiße man doch ist, sollte man ihm erst recht beweisen, dass dies nicht so ist. Dass es anders ist, als es aussieht. Anders ist, als sie denken. Ich habe auch schon oft solche Bilder gesehen, wie das aus deinem Grundschullesebuch. Manchmal will ich diese Bilder auch einfach ausdrucken und auf der ganzen Welt verteilen. Es jedem vor's Gesicht halten. Vielleicht würde ein Teil unserer Welt dann ein bisschen anders denken. Aber auch nur ein kleiner Teil. Bei mir sagen die Leute, die ich kenne genau das Gegenteil von dem was die Leute bei dir sagen. Sie meinen alles kommt nur vom Inneren und man sollte nicht vom Äußeren beurteilen. Was auch total stimmt, finde ich. Doch gerade das tun sie dann nicht. Bei Obdachlosen halten sie 'Sicherheitsabstand' ein, Außenseiter behandeln sie wie Luft, Leute mit einem anderen Kleidungsstil wollen sie zurecht weisen. Alle sollen angepasst sein. Gleich sein. Keinen eigenen Geschmack haben, obwohl niemand weiß wer denn nun eigentlich entscheidet was überhaupt ein guter Geschmack ist. Man soll sich gut verkaufen können, wie du sagst. Zum Beispiel der erste Eindruck, was ist normal und was eher anders? Anders ist plötzlich schlecht und normal kommt in die nächste Runde. Aber was bedeutet 'anders' denn? Ich würde sagen es bedeutet Einzigartigkeit, ein eigener Wille, eine eigene Definition von Schönheit, eigene Gedanken, die wir in Ideen umsetzen. Ideen, die wir selbst gut finden und sie von nichts und niemanden lenken lassen. Aber nein, wir müssen ja alle gleich funktionieren. Wenigstens gibt es ein paar Menschen, die sich nicht in Schublanden stecken lassen, sich nicht einordnen. Vielleicht ist das schwieriger, aber wenigsten sieht man die Dinge wie sie sind und nicht wie die Gesellschaft sie dreht. Bleib so wie du bist, mit deinen eigenen Gedanken. Lass dich nicht in ein Korsett stecken, darin kann man doch bekanntlich nicht frei atmen, ne? ♥
    Effy

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  7. Du hast recht, wie oberflächlich die Gesellschaft doch ist.... :/

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  8. Hey meine kleine Fee,
    ich danke dir von Herzen für deine Worte. Sie haben mich wirklich bewegt.

    Lilly, es wäre ganz schrecklich, wenn du versuchen würdest, dein einzigartiges, hinterfragendes, kritisierendes, liebenswertes und sympatisch-chaotisches Wesen in eine Form zu pressen. So wie du jetzt bist, ist es gut. So, wie du jetzt bist, bereicherst du die Gesellschaft. Mit dem Blick hinter die Fassade. Mit der Frage nach dem "warum".
    Es gibt sie nur ganz selten, die Menschen, die überall anecken - aber nicht, weil sie es sind, die nicht in die Form passen. Sie sehen schlichtweg die Ecken und Kanten des Lebens, stoßen darauf und weichen nun mal nicht aus.
    Und dafür schätze ich dich wert.

    Alles Liebe dir
    Lovely

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