Sonntag, 1. Februar 2015

Spiegelwelten

Es ist so krass, dass ich im Sommer schon fertig mit Studieren sein werde. Auch wenn das Studium eigentlich sechs Semester hat: Die letzten zwei bestehen aus einem Monat Unterricht im Oktober, drei Monaten Pflichtpraktikum und Bachelorarbeit. Meine Kommilitonen planen bereits, aus Berlin wieder weg zu ziehen, bewerben sich auf unzählige Praktikumsplätze im In- und Ausland oder auf die Jobs, die sie in Zukunft machen wollen. Und ich stehe dazwischen und weiß nicht wohin mit mir. Im Sommer bin ich 21 und soll wissen, was ich will vom Leben. Dabei weiß ich gar nicht, wie das geht.
Unter anderem war dies die Antwort auf meine gestörten Mails. Aber wohin soll ich sonst gucken?
Die Zukunft steht vor meiner Tür. Sie klopft nicht an. Sie stürzt sich auf mich. Und ich will mich nur verkriechen. Unter dem knallroten kleinen Tisch. Mit dem Schaf und dem Hund und der grünen Kuscheldecke. Doch sie steht vor mir und sagt: Lilly, was wird nur aus dir? Die selbe Frage stellte die Vergangenheit, lange bevor ich mich Lilly nannte. Damals trug ich nichts als den Namen, den sie mir gegeben hatten. Sie sprachen ihn in diesem drohenen Ton, der all ihre Erwartungen an mich erstickte...
Ich will gar nicht leuchten. Lieber bin ich eine schöne Blume, die einfach nur im Gras liegt und die Sonne genießt. Ich würde mich im Wind wiegen. Und neben mir stände eine fleischfressende Pflanze, die jeden beißt, der versucht, mich zu brechen.
Und die Gegenwart? Sie stellt die selbe Frage, vielleicht ein wenig sanfter. Willst du dich nicht auch bewerben? Willst du nicht langsam entscheiden, was du später machen willst? Morgen, verspreche ich ihr leise, morgen ganz bestimmt.
Ich will ein Buch schreiben, aber ich habe nicht die Geduld dafür.
Ich will Musik machen, aber ich kann das nicht.
Ich will mit Kindern arbeiten, aber ich studiere "irgendwas mit Medien".
Eigentlich ... weiß ich gar nicht, was ich will.
Ich will jeden Tag was anderes. Ideen hab ich genug, doch die Umsetzung scheitert immer. Was hab ich gemacht, seit ich frei bin? Hab mich Klingen und Kalorien unterworfen. Dafür hab ich mich gehasst, hab Wut und Blut gekotzt und mich täglich auf den Mond geschossen.
Jetzt steh ich hier mit leeren Händen, ganz allein.
Euch tut das so leid, und, was hab ich davon?
Ihr sagt, es ist hoffnungslos, und fragt, wieso ich mich nicht zusammenreißen kann?!
Ach komm, Lilly, alles ist gut, dein einziges Problem ist die Wut!, sagen alle drei Zeiten aus einem Mund. Ihr seid alle so schön ausgeglichen, ich bin euch nur zu intensiv.
Ich hab meine Haare blau und pink und lila und rot und schwarz gefärbt und bin doch immer noch das kleine blonde Mädchen, das so seltsame Sachen sagt:
 
Spiegelwelt

Ich komme aus der Welt der Welten, der Spiegelwelt. Das ist die Welt der Doppelgänger, denn der Spiegel ist nichts als eine durchsichtige Scheibe, hinter der die Doppelgänger sitzen. Meine Doppelgängerin ist tot, sie ist verbrannt., sagte das Mädchen und wandte sich vom Spiegel ab. Es war sechs Jahre alt. Der Spiegel war in einen dünnen goldenen Rahmen eingefasst. Oft sah das Mädchen hinein, blickte tief in seine großen grauen Augen und fragte sich, wie es bloß hier her gekommen war. Und weil ihm darauf niemand eine Antwort geben wollte, dachte es sich immer wieder neue Möglichkeiten aus. Es rannte ins Wohnzimmer. Seine Mutter lag auf dem riesigen roten Sofa. Auf dem Tisch vor ihr standen eine Flasche Wein und ein Glas.
Mama? Weißt du was? Mama!, rief das Mädchen ungeduldig.
Was ist denn?, fragte die Mutter.
Ich bin zweimal geboren worden. Das erste Mal von einer Fee, das zweite Mal von dir. Als Fee lebte ich in einem riesigen Garten mit Obstbäumen aller Sorten, vielen Blumen, und Beeren wuchsen da auch. Himbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, alle Beeren, die es gibt. Auch Kürbisse. Später schrumpfte ich und kam in deinen Bauch. Dein Bauch hatte sich geöffnet, die alte Fee hatte ihn geöffnet, sie hat nur ein Leben. So kam ich hinein und begann wieder zu wachsen. Dreiunddreißig Wochen, und dann hast du mich geboren!
Die Mutter lachte. Du hast wirklich eine blühende Phantasie!, sagte sie.
Meine Geschichten sind so, als ob man glaubt, sie sind nicht wahr. Sie sind aber wahr!, sagte das Mädchen und verschränkte die Arme. Da lachte die Mutter noch lauter und schenkte sich noch mehr Wein ein.

Das Mädchen lief auf sein Zimmer. Die Wände waren rosa gestrichen. Ein violetter Himmel hing über dem mit Kuscheltieren übersäten Prinzessinnenbett. Neben der Tür hing ein kleiner Spiegel, dessen Rahmen mit Glitzersteinen verziert war. Das Mädchen war auf einmal sehr wütend. Es wurde ganz rot im Gesicht, ballte die kleinen Hände zu Fäusten und schlug sie sich gegen den Kopf. Dabei sah es seinem Spiegelbild in die Augen und schlug und schlug, bis seine Haare ganz zerwühlt waren. Dann setzte es sich auf den Boden, griff nach einem herumliegenden Filzstift und schrieb seiner Mutter einen Brief:
Mami, ich danke dir ja so. Ich danke dir, dass du mir die Schleife zugebunden hast, ich danke dir, dass du mir zeigst, wie man schöne Blumen malt. Ich danke dir, dass du so gut für mich sorgst. Deine Tochter.

Mama?, flüsterte das Mädchen. Mama, bist du wach? Es stand im Schlafzimmer neben dem Bett und hielt einen Stoffhasen im Arm.
Was ist denn?, murmelte die Mutter. Warum schläfst du denn nicht?
Ich will nicht schlafen. Schlafen tut weh., wisperte das Mädchen.
Leg dich ins Bett und mach die Augen zu, dann schläfst du schon ein., sagte die Mutter und drehte sich auf die andere Seite.
Da tappte das Mädchen zurück in sein Zimmer. Es legte sich auf den Boden und setzte sich den Stoffhasen auf den Bauch. Dann begann es leise, dem Hasen eine Geschichte zu erzählen:
Über den Seerosenteich ziehen die Wolken dahin. Ganz still ist es am Seerosenteich. Ruhig liegt das Wasser, und an den Bäumen sind Plakate angeklebt, auf denen gemalt und geschrieben ist, wie schön es am Seerosenteich ist …

Das Mädchen presste seine Stirn an die kühle Fensterscheibe.
Wie das schneit, da können die Engel gar nichts mehr sehen..., murmelte es.
Hast du was gesagt?, fragte die Mutter, die hinter ihm in der Küche herumwerkelte. Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Hallo! Ich rede mit dir! Was träumst du dir da schon wieder zusammen? Trockne lieber das Geschirr ab! Ein Handtuch flog durch den Raum.
Ich muss mich konzertieren!, sagte das Mädchen.
Das heißt konzentrieren., erwiderte die Mutter.
Das Mädchen knallte den Kopf gegen die Scheibe. Dann bückte es sich nach dem Handtuch.
Mami, fragte es, gefällt es dir, Mutter zu sein?




[Die Geschichte Spiegelwelt ist fiktiv. Einzig die Aussagen des Mädchens sind Zitate von mir in etwa demselben Alter, die schriftlich festgehalten wurden. Die einzelnen Szenen sind nicht eins zu eins so geschehen - wie sollte ich mich daran auch erinnern können?]


Kommentare:

  1. Lilly Maus,
    wie sehr ich jedes Wort deines Textes nachvollziehen kann... Mir geht es momentan sehr ähnlich. Ich wünsche dir, dass bald wieder eine bessere Zeit kommt!
    Ich drücke dich von ganzem Herzen und würde dich am liebsten gar nicht mehr los lassen ♥

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  2. Hallo Lilly, zumindest diese Erinnerungen lesen sich jetzt nicht so, als sei deine Mutter immer die Böse gewesen. Wann fing das denn an mit der Gewalt? Und du scheinst als kleines Kind ja wirklich recht jähzornig zu sein.

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    1. Hallo anonyme Person! Was gibt dir eigentlich das Recht, meine Erinnerungen zu beurteilen? Bist du vielleicht dabei gewesen? Bei der Geschichte handelt es sich im Übrigen um einen fiktiven Text, der auf Kindheitszitaten basiert, das hätte ich wohl dazuschreiben sollen. Ich bin jederzeit offen für konstruktive Kritik, lasse mir jedoch nicht von Menschen, die mich nicht kennen, meine Glaubwürdigkeit absprechen. Und ein "jähzorniges" Kind zu haben rechtfertigt noch lange keine Gewaltanwendung ihm gegenüber. Gewalt geschieht in meinen Augen niemals aus guter Absicht, falls du das andeuten wolltest.
      Vielleicht liest du diese Zeilen ja und verstehst sogar meinen Standpunkt. Du pauschalisierst meine Aussagen in deinem Kommentar doch sehr, was ich wirklich schade finde, denn mein Ziel ist gewiss nicht, irgendjemanden anzuklagen.
      Viele Grüße,
      Lilly

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    2. Lieber Anonym,
      auch wenn es weder meine Geschichte noch mein Blog sind...aber ich gebe Lilly voll und ganz recht! Du warst nicht dabei in ihrer Kindheit und du kannst demzufolge auch nichts beurteilen. Das kann ich auch nicht, aber ich tue es eben auch nicht. Es steht niemandem zu, einen anderen Menschen aus der Ferne zu beurteilen, den man nicht mal kennt...nur anhand der Texte, die er schreibt. Mithin "kennt" man nur das, was derjenige einem zeigt.
      Und selbst wenn ein Kind jähzornig gewesen ist, so ist das noch lange kein Recht, es zu schlagen!! Für Gewalt gegen die eigenen Kinder gibt es nicht die geringste Rechtfertigung okay? Also da solltest du mit deiner Wortwahl schon etwas vorsichtiger sein. finde ich.

      LG
      Kathi

      PS Lilly lass dich von sowas bloß nicht runterziehen! Die vernünftigen Leser werden deine Glaubwürdigkeit sicherlich nicht infrage stellen!

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  3. Ich lese deinen blog schon so lange, und jetzt traue ich mich auch mal was zu schreiben. Alles was du schreibst, darüber was du fühlst. Was bei dir los ist etc.... ich kann das alles so gut verstehen, ich kenne das alles so wahnsinnig gut. Und (das soll jetzt nicht blöd klingen) ich bin manchmal so froh damit nicht alleine zu sein. Immer wenn ich deinen blog lese fühle ich mich gleich weniger alleine und habe ein bisschen die hoffnung dass es irgendwo jemanden gibt der das gleiche "durchmacht"!

    Die allerliebsten Grüße, Zoey

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  4. Liebe Zoey,
    vielen Dank für deine Worte. Das klingt überhaupt nicht blöd. :) Ich habe durch das Bloggen auch Menschen kennengelernt, denen es ähnlich geht wie mir, und empfinde das als unglaubliche Bereicherung - man fühlt sich endlich nicht mehr wie ein Alien!
    Ich wünsche dir alle Kraft, die du brauchst! Wir schaffen das schon, irgendwie.
    Liebste Grüße ♥
    Lilly

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