Donnerstag, 22. Januar 2015

Ein Tag für mich

Mein Körper fühlt sich taub an. 
Als wäre er gar nicht mehr da.
Er ist aber da. 
Leider.
Ich bin leer.
Belastet. 
Schwere Leere.
Leere Schwere. 
Kann nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.
Will mich klein machen.
Verschwinden.
Mich trennen.
Von mir selbst.
Es tut weh.
Ich bin weg.
Weit weg.
Aber nicht sicher.
Nie.

Ich sitze im Bett und starre auf mein Handy. Es ist sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Ich überlege gerade, ob ich zur Uni gehen oder mich einfach wieder hinlegen soll, als die Badezimmertür laut quietscht. Bis meine Mitbewohnerin fertig ist, wird es sowieso zu spät. Ich wickele mich in meine Decke und höre noch die Wohnungstür zufallen, bevor ich einschlafe.
Um zwölf Uhr irgendwas werde ich davon wach, dass ein Gegenstand krachend umfällt. Jemand rennt leise fluchend hin und her, wirft noch etwas um und knallt schließlich mit der Wohnungstür. Ich stehe langsam auf, koche Kaffee, suche zähneputzend ein paar Klamotten zusammen und lasse Badewasser ein. Mit einem lila gemusterten Feuerzeug zünde ich Vanilleduftkerzen an und stelle sie zusammen mit der Tasse auf den Badewannenrand. Dann tauche ich in den rosenblütenduftigen Schaum hinab. Sein leises Knistern und das Rauschen der Heizung sind die einzigen Geräusche im Raum.
Eigentlich bade ich nie. Ich hasse baden schon seit ich denken kann. In der Wohngruppe wurde ich trotzdem zum wöchentlichen Badetag gezwungen, weil das den anderen gegenüber ja sonst unfair gewesen wäre. Also habe ich jede Woche eine halbe Stunde lang auf trockenem Boden gesessen und geträumt. Heute ist das anders. Ich bin allein zu Hause. Das kalte Badezimmerlicht ist ausgeschaltet. Die Tür ist fest verschlossen. Die Heizung steht auf fünf. Mir ist trotzdem kalt. Niemand wird meinen Kopf an den Haaren brutal nach hinten ziehen. Leises Plätschern statt stummer Schreie.
Die Flammen spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Tausendfach, wenn ich mit den Zehen Wellen mache. Ich betrachte meinen linken Arm. Er ist mit Wörtern vollgekritzelt. Ein rosa Badekonfetti-Herz kommt vorbeigeschwommen. Ich lege es auf meine Fingerspitzen und streiche behutsam über den Arm, bis die Wörter verblassen. Der Kaffee ist fast kalt geworden, als mir wieder einfällt, dass er da ist. Langsam löst der Schaum sich auf. Ich steige aus. Meine Haut dampft. Im Flur ist es kalt. Ich laufe ein bisschen hin und her. Dann setze ich mich an mein Klavier. Das erste Mal seit ich von Weihnachten zurück bin. Die Cis-Taste ist immer noch kaputt. Wenn man sie drückt, knallt der Ton viel zu laut heraus. Ich versuche es auch mit Singen. Meine Maske ist echt, drum erkennt keiner mich. Das Lied hat mich dazu gebracht, die venezianische Maske über das Klavier zu hängen. Sie passt so sehr zu mir... Meine Stimme klingt wie die einer Krähe. S. und ihre Gruppe haben die Dokumentation über einen Operngesangsstudenten gedreht. Am Wochenende waren wir mit ihm und seinen Kommilitonen etwas trinken. Ich habe immer noch einen Ohrwurm von In einem kühlen Grunde und ich wünschte, ich hätte die Musik nicht aufgeben müssen.
Meine Geige steht in einer staubigen Ecke. Ich befreie sie aus ihrem Sarg. Ihre Saiten sind verstimmt. Ich drehe ein bisschen herum, dann spiele ich so vor mich hin. Du brauchst neue Saiten, stelle ich fest. Wenn ich wieder Geld habe. Ich bette sie wieder ein. Mir war nie bewusst, wie körperlich anstrengend das Spielen ist. In elf Jahren Unterricht vergisst man das. Nach drei Jahren Trennung weiß ich immer noch, wie man sie zum Klingen bringt. Warum geht das nicht bei den Instrumenten, die ich lieber mag? Dabei fordert die Geige so viel Liebe ein. Genug Liebe, um sie nicht an die Wand zu klatschen, obwohl sich in ihren Hohlräumen immer noch die Stimme meiner Mutter verbirgt. Ihr niederschmetterndes Schreien und das peitschende Geräusch, das ein Bogen macht, den man zweckentfremdet. Hassliebe.
Dieser Tag bringt mir mehr als eine Stunde in der Uni, habe ich das Gefühl. Ich kauere mich in mein Bett und lese ein Buch. Meine Gedanken schweifen ab. Hin und wieder tropft eine Träne aufs Papier. Mir ist eiskalt. Ich mache mir eine Gespenstersuppe warm. Schließlich habe ich erst eine Tafel Schokolade und ein paar Salzbrezeln gegessen. Der Versuch, gleichzeitig zu essen und zu lesen, erweist sich als ziemlich umständlich. Gleichzeitig essen und denken ist nie eine gute Kombination. Wie so oft in letzter Zeit wird mir schlecht. Ich schaffe es gerade noch, Wasser hinterherzukippen, bevor ich ins Bad renne und mich übergebe. Das mit dem Übergeben passiert sonst nicht. Aber es fühlt sich besser an, als diese Übelkeit. Jetzt bin ich noch ein Stückchen leerer. Während ich das schreibe, esse ich schon wieder Schokolade. Mein Kontostand guckt mich ziemlich böse an. Der Monat ist doch fast vorbei., beruhige ich ihn und denke nicht an den nächsten. Ich lebe weder in der Zukunft noch in der Gegenwart. Ständig schaue ich auf mein Handy. Ich weiß nicht, worauf ich warte. Vielleicht auf eine E-Mail oder eine Nachricht. Vielleicht sogar auf einen Anruf. Auch wenn wir es niemals zugeben würden: insgeheim warten wir doch immer noch darauf, dass jemand kommt und uns rettet. Obwohl wir wissen, dass das nicht möglich ist.
Ich wiege mich hin und her und höre Musik aus vergangenen Zeiten. Komme nicht aus meinem Kopf raus. Bin gefangen in eisiger Stille.
Wir müssen nach vorn schauen. Wir haben keine andere Wahl. Wir können das. Wir wollen das. Wir schaffen das. Das versuche ich mir einzureden. Denn ich weiß, dass es stimmt. Nein, ich weiß es nicht. Ich wüsste es nur gern. Aber vielleicht stimmt es. Vielleicht schließt nichts aus. Wir müssen nur akzeptieren, dass niemand die Hand nach uns ausstrecken wird. Wir müssen unsere Hände ausstrecken und nach den Steinen greifen, die uns den Weg versperren. Nur wenn wir sie zur Seite rollen, können wir weitergehen. Und weil wir immer viele sind, kommen wir vielleicht auch gegen die vielen Steine an.

Kommentare:

  1. Hey,
    hm stimmt. Verdammt. :/

    Nee fühle mich nicht zugespammt alles ok :D Menschen sind halt einfach merkwürdig. >.<

    Ich finde es gut, dass du dir die Auszeit heute genommen hast. Wie du schon geschrieben hast, das hat dir mit Sicherheit mehr gebracht, als eine Stunde an der Uni.
    Und deine letzten Sätze sind so wahr...

    Entschuldige, dass das jetzt nicht so ausführlich ist
    Alles Liebe
    Sam

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  2. Lillyfee,
    mein Herzchen, ich wollte dir eben noch ganz enthusiastisch antworten, aber ich weiß gerade nicht, ob das nach einem solch traurigen Post noch angebracht ist ...
    Ich fange erstmal an und wenn du am Ende ein bisschen lächeln kannst, dann habe ich schon mein Ziel erreicht.
    Ist gut :)
    Da traust du mir und meiner Stimme ja viel zu - ich fühle mich geschmeichelt ... hihi, ich bin allgegenwärtig ...

    Sei nicht so hart zu dir. Wenn man gesagt bekommt, dass es das und das geben wird, ist nicht das erste, was man macht, einen schriftlichen Vertrag einzufordern, ob die Angaben denn auch stimmen.

    Nein, das vielleicht nicht, aber du musst zugeben, es hätte etwas Befriedigendes ...

    Ja, der ist ohne Leser und niemand hat die Adresse ^^ Ja schon, aber im Normalfall dürfte nur dem Gericht und der Polizei gewissen Dinge bekannt sein. Manches habe ich ja selbst da verschwiegen ... wenn es keine so pikanten Themen wären, fände ich das weniger schlimm.

    Ist doch klar, dass du dich nicht erinnern kannst - dein Körper schützt dich, als bleiben weiße Flecken zurück. Bitte, zweifle nicht an dir. Du bist nicht verrückt, du versuchst, nach besten Mitteln zu überleben. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn du meine Meinung dazu hören möchtest - du machst auf mich den Eindruck einer willensstarken Frau, die viel erlebt hat und trotzdem nach vorne blickt. Mach dir keinen Kopf um die Vergangenheit - wenn du soweit bist, kommen einige Dinge von ganz alleine wieder.

    Ne, ich mag jedes Wort von dir, das würge ich nicht ab <3

    Ja, da hast du recht. Aber es tut gut, wenn man daran erinnert wird, dass es auch noch andere Gefühle gibt :) <3

    Mit der U-Bahn? :'D Sollte ich auch mal probieren, in der Wohnung fehlt mir praktisch alles. Kühlschrank, Herd, Waschmaschine, Bett, Schränke, Lampen ... der Schaffner wird sich freuen ^^

    Zu deinem Text ... ich finde das so traurig, ich kann es gerade nicht noch mal lesen, um detailreich was dazu zu schreiben.
    Aber ich wünschte, ich läge jetzt neben dir und wir könnten gemeinsam lesen und einen Kakao trinken (ja, ich würde dann einfach mal Milch trinken und drin behalten) und in eine Decke kuscheln ...
    Ich umarme dich so lange und fest du magst.
    Alles Liebe dir
    Lovely

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  3. Oh Mensch, dieser Post ist so traurig...
    Ich umarme dich ganz ganz feste <3

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  4. Hey,
    ich bin gerade total fasziniert von deinen Worten und weiß um ehrlich zu sein nicht was ich schreiben soll... aber gut, dass du dir einen Tag für dich genommen hast. Ob du dich entspannen konntest oder eher nicht ist jetzt mal so hingestellt, aber schön, dass du wieder gespielt hast ♥
    Umarmung vom mir, ich denk an dich :*
    Effy

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  5. Hey Lilly, heute konnte ich endlich deinen Brief in den Händen halten, nach dem er fast ne Woche bei meinen Eltern fest saß... ICH HABE MICH SO SEHR GEFREUT! Dieser Brief und das kleine Geschenk sind einfach wunderbar und perfekt und einfach DANKE! Sehr passend dass ich heute deinen Post hier gelesen habe, deine "Badewannen-Szene" hat mich gleich dazu gebracht dein Geschenk zu verwenden, ich Dufte wie Pinacolada *-*
    Tausend Dankeschöns zu dir in dein Bett,
    Leli B.

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    1. Hey Leli!
      Und ich freue mich so sehr, dass du dich so darüber freust. ♥ Ich sitze hier in meinem Bett und muss so sehr lächeln, dass ich fast schon wieder heulen muss. Das größte Geschenk ist es doch, einem anderen eine Freude machen zu können. :) Bestimmt duftet jetzt ungefähr das ganze Haus nach dir, das Zeug hat schon in der Packung so intensiv gerochen :D
      Alles Liebe,
      Deine Lilly ♥

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