Freitag, 19. Dezember 2014

19. Türchen: Umgekehrte Arroganz

Ziemlich oft  bezeichnen wir andere Menschen als arrogant. Aber wissen wir eigentlich, was Arroganz genau ist? Der Duden sagt dazu: Arrogante Menschen sind anmaßend, herablassend, herausfordernd, hochmütig, überheblich, eingebildet, selbstgefällig, aufgeblasen und hochnäsig.* Ich dachte immer, arrogant wären Menschen mit einem übergroßen Selbstbewusstsein, die zwar unangenehm sind, zu denen man aber trotzdem aufschaut, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen und sich so auf besondere Weise wichtig machen.
Schauen wir genauer hin, stellen wir fest, dass das komplette Gegenteil der Fall sein kann. Viele Menschen versuchen mit arrogantem Verhalten mangelnde Selbstsicherheit zu überspielen. Arroganz schafft Distanz. So kann sie als Selbstschutz fungieren - ähnlich wie die beliebte lächelnde Maske für den Alltag.**
Da stellt sich mir eine Frage: Sind wir, die wir größtenteils nicht gerade von Selbstwertgefühlen überschüttet werden, dann nicht vielleicht auch arrogant?

In einem Artikel*** habe ich folgende Merkmale von Arroganz gefunden:

Ein arroganter Mensch
  • ist sehr überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten
  • streicht seine Überlegenheit heraus
  • hält sich für einzigartig und unersetzlich
  • wertet seine Mitmenschen ab
  • spricht abschätzig über andere
  • sieht die Wirklichkeit verzerrt
  • tritt betont selbstbewusst auf

Ich habe diese Merkmale einfach mal auf uns (damit meine ich diejenigen, mit denen ich hier auf Blogger größtenteils kommuniziere) bezogen:

Ein "umgekehrt" arroganter Mensch
  • ist überhaupt nicht überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten
  • streicht seine Unterlegenheit heraus
  • hält sich für abartig und ersetzbar
  • wertet sich selbst ab
  • spricht abschätzig über sich selbst
  • sieht die Wirklichkeit verzerrt
  • tritt betont zurückhaltend auf

Was haltet ihr davon? Findet ihr, dass man "umgekehrte" Arroganz mit der herkömmlichen Arroganz vergleichen kann?
Ich merke das sehr oft, wenn ich Kommentare lese oder selber schreibe: Anderen Menschen schreiben wir immer wieder, dass sie toll, mutig, stark, liebenswert usw. sind. Aber wenn uns jemand soetwas schreibt, dann wehren wir sofort ab und sagen: "Oh danke, Liebes, aber das stimmt nun wirklich nicht. Ich bin ein ganz ganz furchtbar schrecklicher Mensch!" Nervt euch das nicht auch ab und zu? Ruhen wir uns nicht manchmal zu sehr aus auf unserem Selbstmitleidsthron? Warum können wir nicht einfach sagen: "Danke, dass du mich daran erinnert hast, dass ich doch nicht ganz so schrecklich bin. Das hab ich jetzt echt gebraucht. Wir sind beide gut so, wie wir sind, und irgendwann fühlt es sich vielleicht nicht mehr so falsch an, das auszusprechen." Warum wollen wir immer schlechter und schlimmer und schrecklicher sein als die anderen? Das ist dann doch das Gegenstück dazu, sich für etwas Besseres zu halten. Also halten wir uns für etwas Schlechteres. Und das ist, wenn ich das mal so sagen darf, echt verrückt.

Vielleicht sollten wir alle auch unsere Selbstkritik mal umkehren und uns fragen, ob es wirklich Sinn macht, dass wir uns selbst so fertig machen. Wir haben schließlich genug Mennschen in unserem Umfeld, die uns das Leben schwer machen.

*   Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/arrogant#
**  Quelle: http://www.zeitblueten.com/news/umgang-arrogante-personen/
*** Quelle: http://www.lebenshilfe-abc.de/arroganz.html

Kommentare:

  1. Hey,

    ich finde diesen Post wirklich gut und es ist ein interessanter und stimmiger Gedankengang. Ich glaube nicht mal, dass das mit Absicht kommt, dieses „stimmt doch gar nicht“ und es ist auch kein herkömmliches „fishing for compliments“ eher wie du sagst, eben diese verzerrte Wirklichkeit.
    Folgender Spruch ist mir noch eingefallen dazu „Niveau sieht von unten betrachtet wie Arroganz aus“. Ich denke ein bisschen „Arroganz“ kann auch mal nicht schaden. Zum Glück bin ich (durch lange Therapie) schon so weit, dass ich Komplimente durchaus annehmen kann und nicht vehement widersprechen muss und das fühlt sich gut an, man geht anderen Menschen nicht so auf den Keks ;) und viele Dinge sehe ich auch realistisch, was arrogant rüberkommen kann, zum Beispiel habe ich ein unglaublich interessantes und spannendes Leben. Klingt eingebildet, oder? Ist aber so.

    Gehts dir wieder besser, krankheitsmäßig? Experimentelle Filme sind cool =)

    Gehr mit genauso. Ist eher so eine „ganz oder gar nicht“ Sache hier. Wie könnte man DAS denn erträglich machen. Okay man könnte sagen blabla und hier da geh ich mal ne halbe Stunde spazieren und blabla... aber nützt das WIRKLICH was? Bei so viel Scheiße? Kommt man dagegen überhaupt an? Naja, immerhin ist geplant, dass ich nicht mit in den Gottesdienst gehe und stattdessen mit dem Hund und wahrscheinlich, dank Käsefondue und vielen Leuten, werden wir zwei Tische haben, was schon mal gut ist, denn ich will nicht auf den Tisch kotzen weil ich Rubens Gesicht die ganze Zeit sehen muss.
    Verstehe ich, diesen Gedankengang. Aber nach dem 26. geht’s weiter. Zum Glück!! Vielleicht wäre es sogar gut, wenn du da mal ein bisschen planst um dir bewusst zu machen „es sind nur ein paar Tage!“

    Ich hoffe dir geht es okay, wir schaffen das schon irgendwie mit Weihnachten, okay? Und danach machen wir eine virtuell Party und sagen uns „Yeah wir habens drauf!!“.

    Ganz liebe Grüße,
    Liv

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  2. da schreibst du sehr wahres.
    Grad das mit dem Selbstmitleid.
    Meist nicht mit der Absicht naja meist mit gar keiner Absicht.
    Wir sind so überzeugt davon schlecht zu sein, schrecklich zu sein, dass wir gar nicht versuchen, eine andere Perspektive zu finden.
    Wie sollen wir auch , wenn unser Umfeld , andere Menschen , unsere Leistungen oder unsere Krankheit uns so drin bestärkt.
    Und kaum starten wir doch mal eine Revolution kommt Gegenwind...da kommt dann das schöne Wort * Arroganz*.
    Ich lobe mich ab und zu bewusst bei den kleinsten Dingen.
    Sei es wenn ich mal nicht gesnoozed habe oder gleich was erledigt habe oder wenn ich was an mir finde, das gut ist.
    das sollte normal sein, man sollte sich selbst am meisten schätzen.
    Den wie sollen andere es tun, wenn wir uns selbst ständig runterbuttern?

    [und wieder viel zu lang geworden :P]

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  3. Hey Lilly, ein wirklich interessanter Denkansatz, so habe ich das noch nie gesehen. In einigen Punkten hast du sicherlich recht, auch dass du es ansptichst dass es eine Fassade sein kann. Wenn ich genauer überlege kann das in manchen Situationen sogar auf mich zutreffen. :/
    Das mit dem Jugendamt war bei mir bei weitem nicht so heftig wie bei dir... Bei mir kam der Stein ins Rollen als ich von meiner Klassenlehrerin zur Schilpsychologin geschickt wurde, weil ich so "große Auffälligkeiten" an den Tag legte. Darauf folgten viele Gespräche mit der Psychofrau und mir. Auch mit meinen Eltern wurde geredet, mir aber nie gesagt was sie erzählten. Irgendwann hieß es ab zum Jugendamt und raus mit dem Kind. Ich kam in ein betreutes Wohnen, der Kontakt zu meinem Eltern brach ab. Bis heute, von beiden Seiten aus.
    Ich selbst hätte mich nie getraut zum Amt zu gehen. Wir waren nach außen hin immer eine peferkte Familie (Wohlhabend, gut erzogen, gute Noten usw.) Und ich hätte mich nie getraut dieses offizielle Familienbild durch einen Gang zum Amt zu ruinieren. Die hätten mich umgebracht...
    Jetzt im Nachhinein bin ich der Lehrerin dankbar, dass sie mich zu der Psychologin geschickt hat. Zu der Zeit konnte ich das nicht so sehen, weil ich wo überfordert war.
    Ich hoffe das war jetzt nicht zu viel Text.
    LG, Iwik

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