Mittwoch, 17. Dezember 2014

17. Türchen: Freiheit

Das 17. Türchen öffnet sich heute reichlich spät. Das liegt daran, dass ich starke Kopfschmerzen habe, mein Hals beim Schlucken unheimlich weh tut und mir übel ist. Ja, ich bin sehr wehleidig, wenn es um körperliche Beschwerden geht. Diesmal hab ich mich sogar in die Apotheke getraut, um Kopfschmerztabletten zu kaufen. Das war gar nicht mal so schlimm. Und jetzt kann ich, in meine Bettdecke gewickelt und umgeben von Salbeitee und Hustenbonbons, den vierten Jahrestag meiner Selbstbefreiung feiern, wenn man es mal ganz dramatisch ausdrücken will.
Jedenfalls ein wichtiger Tag in meinem Leben.
Das Ticket hab ich sogar aufgehoben.

Freitag, 17. Dezember 2010. Heute ist der letzte Schultag vor den Weihachtsferien. Wir haben zwei Stunden früher Schluss. Gestern habe ich mit meinem Vater telefoniert und ihm die Zeit genannt, zu der ich normalerweise am Bahnhof in meiner Heimatstadt ankommen würde. Er will mich mit seinem neuen Auto abholen. Seit Anfang Oktober bin ich nicht mehr zu Hause gewesen. Das erste Adventswochenende habe ich bei Jos Familie verbracht, die anderen beiden waren Internatswochenenden. Ich habe Angst, dass meine Eltern mir die Lüge nicht abnehmen. Es ist so paradox, dass ich auf einmal vorgebe, wieder normal zu sein und nach Hause zu wollen. Dabei habe ich heute um 12.30 Uhr einen Termin beim Jugendamt. Ich habe Angst, dass meine Eltern wieder am Bahnhof stehen und mich festhalten, so wie letztes Mal. 
Draußen ist es kalt und verschneit. Ich verabschiede mich von Jo, die mir alles Gute wünscht, und zerre meinen großen grünen Koffer über den schlecht geräumten Weg. Das Internat liegt abgeschieden neben einem winzigen Dorf, das aus einer einzigen Straße besteht. Während ich dem Busfahrer mein Kleingeld in die Hand drücke, rutscht mir die Geige von der Schulter. Ich schaue noch einmal zu den Gebäuden hinüber, ohne zu wissen, dass ich nie wieder hier zur Schule gehen werde. Im Bus sind nur wenige Menschen. Die meisten meiner Mitschüler sind noch zum Mittagessen geblieben.
Mein Zug hat wie fast immer Verspätung. Ich gebe der Frau, bei der ich den Termin habe, Bescheid, dass ich etwas später komme. Im Bahnhof schließe ich meine Sachen ein. Den Weg zum Jugendamt habe ich mir aufgeschrieben. Trotzdem verlaufe ich mich. Typisch. Je näher ich dem Plattenbau komme, desto größer wird meine Angst. Ich weiß gar nicht, was ich dort sagen soll. Und wie es dann weitergeht. Was, wenn sie mich einfach wieder nach Hause schicken, weil sie mich nicht ernst nehmen? 
Ich steige zitternd und mit wild klopfendem Herzen die Treppen in den zweiten Stock hinauf. Vor der Tür mit der Zimmernummer, die auf meinem Zettel steht, bleibe ich stehen. Einatmen. Ausatmen. Klopfen. Ein großer dicker Mann sitzt hinter seinem Schreibtisch und schaut mich fragend an.
"Ich weiß nicht genau, wo ich hin muss ...", stammele ich.
"Setzen Sie sich doch erstmal und erzählen Sie mir, was sie hier her führt.", sagt der Mann freundlich. Ich setze mich ganz vorne auf die Stuhlkante und rattere den Text herunter, den ich mir zurechtgelegt habe. Der Mann sieht mich eine Weile schweigend an. Ich beginne zu schwitzen.
"Wo wohnst du denn?", fragt er dann. Ich nenne ihm meine Adresse. 
"So. Also dann ist die Frau F. für dich zuständig. Sie sitzt im Zimmer gegenüber.", sagt er.
"Oh ... okay ..." Ich springe auf, schnappe meine Tasche und verlasse den Raum. Draußen drehe ich mich zu der anderen Tür. Einatmen. Ausatmen. Klopfen. Hinter diesem Schreibtisch sitzt Frau F. Sie hat rote Haare und große, mit blauem Lidschatten geschminkte Augen und ist von einer schweren Parfumwolke umgeben. 
"Was kann ich für dich tun?", fragt sie lächelnd. Ich erzähle alles noch einmal von vorn. Sie erfragt die Personalien meiner Eltern. 
"Und du willst wirklich auf keinen Fall zurück nach Hause?"
"Nein."
"Gut, dann schreibe ich dir die Adresse einer Inobhutnahmestelle auf. Du weißt doch, wo das Theater ist? Ja, und schräg gegenüber davon, da ist sie. Ich rufe gleich dort an, damit sie wissen, dass du kommst."
Ich verabschiede mich von der Frau und mache mich auf den Weg. Meine Mütze ziehe ich tief ins Gesicht und schaue mich immer wieder ängstlich um. Die Stadt ist nicht besonders groß, die Wahrscheinlichkeit, hier Familienmitgliedern in die Arme zu laufen, dagegen sehr. Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich wieder vor einer Tür. "Schlupfwinkel/Mädchenzuflucht" steht an der Klingel. Ich drücke drauf. 
"Hallo?", tönt es aus der Sprechanlage. Ich hasse diese Dinger.
"Ich komme von Frau F.!", rufe ich. Der Türöffner summt. Auf der Treppe kommt mir ein grauhaariger älterer Mann entgegen. 
"Ich bin Oskar", stellt er sich vor und führt mich nach oben. "Das ist hier wie eine richtige Wohnung. Auf jeder Etage gibt es drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Büro."
Oskar führt mich in das Büro. Ich muss meine Geschichte ein drittes Mal erzählen. Er notiert sich die Personalien meiner Eltern und meine wichtigen Merkmale, damit die Polizei mich finden kann, falls ich weglaufe, erklärt er.
"Möchtest du etwas essen?", fragt er mich anschließend. 
Ich schüttele den Kopf.
"Du hast bestimmt noch nicht Mittag gegessen, komm iss mal was." Er führt mich in die Küche und klatscht Nudeln mit Tomatensuppe auf einen Teller, den er vor mich hinstellt. Am Tisch sitzt noch ein Mädchen mit schwarz-blonden Haaren. Wir essen schweigend.
"Du bist neu hier, was?", fragt das Mädchen.
Ich nicke.
"Brauchst keine Angst haben, die sind alle ganz lieb hier."
Ich lächele.
"Ich bin übrigens Melissa. Und wie heißt du?"
"Lilly"
Nach dem Essen schickt Oskar mich ins Wohnzimmer. Er muss die Dienstübergabe machen und danach werden zwei andere Betreuer da sein.
Irgendwann steckt eine junge blonde Frau den Kopf zur Tür herein. 
"Hi! Ich bin Doreen. Jetzt kommt der unangenehmste Teil: Ich muss deine Eltern anrufen. Willst du dabei sein oder lieber nicht?"
"Nein, lieber nicht."
"Okay, ich komme gleich wieder."
Später hole ich mit dem anderen Betreuer meine Sachen vom Bahnhof. Ich komme in ein Dreibettzimmer, in dem ich mit Melissa zusammen wohne. Der Betreuer gibt mir Bettwäsche und Handtücher. Dann gibt es Abendessen. Nach dem Abendessen muss jeder seinen Putzdienst machen. Ich bringe mit dem Betreuer zusammen die Küche in Ordnung. Wir sprechen noch eine Weile über die Regeln. 21 Uhr ist Nachtruhe.

So war das vor vier Jahren. Und heute sitze ich hier mit der selben Angst. Der Angst davor, am Sonntag in meine Heimatstadt zu fahren. Aber es ist nicht dasselbe. Heute kann ich selbst entscheiden, wen ich sehen will und wen nicht. Und wenn es zu krass wird, fahre ich einfach nach Hause. Ja, wenn es so einfach wäre. Aber das ist ein Adventskalenderpost, der muss er positiv sein. Also positiv denken und erkennen, was man in vier Jahren alles schaffen kann.

Was habt ihr geschafft und macht es euch viel zu selten bewusst? ♥




Kommentare:

  1. Gute Besserung dir :-) ich hoffe, du wirst die Feiertage gesund verbringen können :-) Darf ich fragen, wo du weihnachten verbringst, ist aber auch irgendwie eine persönliche frage, wenn du kein gutes Verhältnis zu deinen Eltern hast. und ja. 4 Jahre sind eine lange Zeit und jeder schafft etwas positives. :-) ich bin vor ein paar tagen damit angefangen, jeden Abend aufzuschreiben was gut an dem tag war, und wenn einem jeden Tag etwas einfällt, fühle ich mich so viel besser! heute waren es 2 kleine Momente: wir haben in der schule ein Lied gesungen mit allen und nachmittags hjabe ich mit einem freund telefoniert :-) guter Tag :-)
    Liebe grüße, die Neva

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  2. Ich wünsche dir ganz dolle gute Besserung :-*

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  3. Wow, du warst einen sehr großen Schritt gegangen, aber ich finde tatsächlich es liest sich gut. Und dass du jetzt jederzeit abbrechen kannst, ist toll. Vergiss nicht. Du entscheidest wann es reicht.
    Ich denke bei mir wäre meine Jugenamterfahrung auch eine Sache an die ich häufiger zurückdenken sollte. In der Zeit hatte sich so viel getan, und es prägte mich sehr...
    LG, Iwik

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  4. Hallo Liebes,
    das ist jetzt mein dritter Versuch, dir ein Kommentar zu schreiben. Meine Mutter sitzt nämlich neben mir und macht mich fertig. Wusstest du schon, dass ich absolut scheiße bin? Ich schon. Hahaha.

    Egal. Ich schreibe dir jetzt trotzdem und ignoriere diese Frau lalalalalalallalalala

    Ja, Lovely hatet zurück :D
    Ich bin allerdings selbst überrascht, zu welchen Formulierungen ich fähig bin ^^ Aber ich habe die Grenze irgendwie erreicht ...

    Du bist unschuldig, du bist liebevoll, du bist gut und du bemühst dich, dein Leben auf die Reihe zu kriegen. Das ist super.

    Könnte das einer der Gründe sein, weshalb du dein Äußeres immer wieder veränderst?

    Ja, mich ärgert das auch. Ich habe bisher immer die Erfahrung gemacht, vieles nicht zu bekommen, weil ich keinen Migrationshintergrund habe und ja, das ärgert mich dann schon.

    Oh Dankeschön :D <3 :*

    Hm. Ne. Nenene. Danke, dass du du du da bist. Punkt.

    Okay, ich bemühe mich, dir heute Abend noch ne Email zu schreiben. Ja? :D

    Ich freu mich, dass du den Schritt gemacht hast. Das macht mir Mut, dass jetzt ebenfalls durchzuziehen.
    Schön, was du geschafft hast.

    Alles Liebe dir
    Lovely

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