Mittwoch, 10. Dezember 2014

10. Türchen: Warum wir einander brauchen

Wie ihr, weil ich kaum an etwas anderes denke, wisst, ist es ziemlich bald genau vier Jahre her, dass ich den "großen Schritt" in Richtung Freiheit gemacht habe, weg von meinen Eltern und auch weg von meiner liebgewonnenen Internatsschule. Dort habe ich viel zurücklassen müssen, aber vergessen wurde ich erstmal nicht. Ende Januar flog ein Brief für mich in der Inobhutnahmestelle ein. Darauf klebte ein Aufkleber von der Post mit der Aufschrift: "Die falsche bzw. mangelhafte Postanschrift führte zu Laufzeitverlängerungen."
Als ich meine Kartons hier in Berlin ausgepackt habe, hab ich diesen Umschlag wiedergefunden. Drin waren zwei Briefe von meinen ehemaligen Mitschülern Sophie und Paul. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich Freunde gewesen. Paul war jemand, den manche Menschen vielleicht als komischen Kauz bezeichnen würden. In dem letzten Jahr, das wir zusammen in einer Klasse waren, hatte er sich für zwei Wochen auf eine Art Selbstfindungsreise begeben. Anfangs wusste niemand, wo er gewesen war, irgendwann erfuhren wir, dass er sich wohl in Berlin bei Bekannten aufhielt. Irgendwann tauchte er einfach wieder auf, als wäre nichts gewesen.
Jedenfalls hat er mir ein paar philosophische Zeilen geschrieben, die ich hinter dem heutigen Türchen mit euch teilen möchte:

"Liebe Lilly,
hier ist Paul. Wir/Ich hörte, dass es dir gerade nicht allzu gut geht und du nicht krank bist, sondern die Schule verlassen wirst. Ich hörte auch, das das nicht an dir liegt, sondern, dass deine Eltern etwas dagegen haben und ihr euch ziemlich zerstritten habt. Das tut mir sehr leid, denn eine Familie als Rückhalt zu haben sehe ich als sehr wichtig an.
Eigentlich sollte ich dich mit diesem Brief ein wenig ablenken, ich glaube, das wird mir nicht so gut gelingen. Ich denke die ganze Zeit über Ratschläge nach, die ich dir geben könnte - auch wenn es ein wenig vermessen erscheint, dass ich davon ausgehe, zu wissen was du brauchst. Mir fiel nur etwas sehr allgemeines ein: Sei ehrlich. Zu dir und zu anderen (nur eine andere Art von zu sich selbst unehrlich zu sein). Ich denke, Wahrheit kann man nur bekommen, wenn man Wahrheit gibt - und wer sehnt sich nicht danach, dieses ganze Kuddelmuddel zu durchschauen.
Hast du irgendwen, mit dem du gerne redest und der dir gerne zuhört? Es ist wichtig, jemanden zu haben, dem man gerne etwas gibt und schenkt. Der Mensch bzw ich (darf ja nicht von meinen Gefühlen auf die ganze Menschheit schlussfolgern) ist ein Gruppentier, das heißt, andere Menschen sind wichtig. Vielleicht zum vegleichen (das ist ein sehr umstrittenes Thema, denn man sollte sich nicht zu viel mit anderen vergleichen - schwierig) oder weil der eigene Kopf zu klein ist, um alles zu erfassen, oder weil es ein Mysterium ist und der Mensch (schon wieder) seit jeher vom Unerklärlichen angezogen wurde.
Ich sitze gerade im Klavierkeller und übe Schupra, Stibi und improvisiere zwischendurch. Hoffentlich hast du zwischen all dem Stress und Ärger auch immer mal Momente, die du genießen kannst und dich freust. Wenn nicht, dann schaff sie dir. Da steht eine Welt vor der Tür voll Hoffnung und Enttäuschung - und deiner Geschichte. 
Alles Liebe,
Paul"

Lieber Paul, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass du das hier jemals lesen wirst, möchte ich mich bei dir für deine ehrlichen Worte bedanken. Vielleicht etwas spät - aber zu spät ist es bekanntlich nie!

Und euch allen wünsche ich immer wieder Menschen, Texte und Begebenheiten, die euch zum nachdenken oder zum lachen bringen. Momente schaffen kann man am allerbesten gemeinsam, und dazu braucht man keine große Party. Man muss nur aufmerksam durch die Welt spazieren. ♥

 

Kommentare:

  1. Als ich in der Klinik war, habe ich einen Brief bekommen von meinen damaligen Kolleginnen. Sie schrieben auch, dass ich ehrlich sein soll. Zu mir und zu den anderen. Damals musste ich darüber lachen. Doch heute habe ich glaube ich etwas verstanden. Man muss ehrlich zu sich selbst und zu anderen sein, damit andere auch ehrlich zu dir sind.
    Mit meinen Eltern hat und wird das vermutlich nie funktionieren, weil einfach zu viel passiert ist, aber im Bezug auf Freunde können diese Worte sehr hilfreich sein.

    Alles Liebe ♥
    Lucy

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  2. Macht doch nichts, ich komm mit dem Kommentieren auch oft nicht so nach :)

    Klar tut das weh :( Aber vielleicht ändert sich wirklich noch mal was zwischen dir und deiner Schwester. Ich wünsche es dir.
    Das mit dem Umbuchen finde ich eine ganz gute Idee. Ich glaube, es wäre wahrscheinlich nicht so gut, wenn du der Situation so lange ausgesetzt wärst. Ja, vielleicht hab ich mich ein bisschen drastisch ausgedrückt, trotzdem ist die Methode deiner Großeltern ja ziemlich perfide. Das macht doch mehr kaputt als heil...
    Ich finde auch, man müsste genauer hingucken, aber die Jugendämter sind ja eh total überlastet. Es wäre schön, wenn zB auch Lehrer besser geschult würden, um früher eingreifen zu können. Aber gewollt hätte ich das wohl nicht damals. Egal, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass es aufhört, meinen Vater zu beschuldigen, das wäre einfach nicht gegangen.
    Und Humor ist super. Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen, das wäre ja nicht auszuhalten. Schon gar nicht, wenn man Stimmen hört^^
    Alles Liebe :)

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  3. Hallo Liebes,
    huch, muss ich da etwa schon wieder zwei Kommentare beantworten? Du bist immer so schnell, ich hoffe, du nimmst es mir nicht krumm, in der Warteschleife zu stehen. Aber ich würde dich natürlich nie vergessen <3

    Ooooh ich hab dich zum Lachen bringen können? *-*

    Ja na klar, und dort bleibt das Kommentar auch stehen. Punkt, weitere Diskussionen kannst du mit der Wand führen :'D :*

    Du musst keine Angst deswegen haben. Das ist völlig normal.
    Dass du Dinge vergisst ist kein Vergessen. Die Erinnerung wird weggeschlossen, denn sie ist belastend und dein Kopf will sich nicht die ganze Zeit damit auseinander setzen. Dabei können aber andere Dinge aus deinem Unterbewusstsein zum Vorschein kommen.
    Ich denke manchmal, mein Kopf ist unordentlicher als mein Schreibtisch... aber deshalb ist nichts davon falsch <3

    Nein, so ein Unsinn. Natürlich willst du. Den Trotzkopf kannst du aktiviert lassen. Sei trotzig, wenn es für dich das Beste bringt. Weißt du, wir haben noch nicht viel Zeit in dieser Welt verbracht und trotzdem schon unendlich mehr erreicht, als viele ältere Menschen. Sie mal stolz auf dich!

    Hm, das ist eine sehr spezifische Art der Geisteskrankheit. Führt zum Absterben der Gehirnzellen, hab ich mal gehört. Allerdings: diese Nebenwirkung funktioniert natürlich nur, wenn ein Gehirn vorhanden ist. Deine "armen" Eltern.

    Jaaaa. Der Kuchen. Hm, doppeltes Geschmackserlebnis auf völlig neuer Ebene xD

    Haha, keine Sorge, mach ich schon nicht.

    Ja, mein Thera hat zum Teil echt komische Ansichten o.O Und ich gebe aus, was ich will. Ich meine, er kann mich ja nicht zwingen, "jetzt das Knäckebrot zu kaufen" :'D

    Es wäre zu hoffen. Gestern hatten wir wieder eine Diskussion darüber und jaaa ... hm.
    Ich glaube nicht, dass ich einen Förderverein finde. Selbst Berufstänzer haben ja eigentlich keine Förderer mehr in Deutschland :/


    Auch wenn meine Freunde nicht immer alles von mir verstehen, muss ich sagen, dass sie immer bei mir sind. Solche Menschen sind gold wert.

    In einem Post von dir, bin ich vor kurzem zitiert worden. Dazu wollte ich was sagen, war aber zu lahm :P :D
    Das war wirklich eine Ehre, dass ich von dir als aufbauend erwähnt wurde *-*
    Dankeschön, ich hab mich wirklich gefreut (und mir gleich mal angeschaut, auf welche Blogs ich bei manchen dort komme ^^)

    Pass auf dich auf.
    Alles Liebe und alles, was du gerade brauchst
    deine Lovely

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