Donnerstag, 13. November 2014

Die Gesichter des Todes

Einer unserer Dozenten hat sich umgebracht. Die erste Nachricht des Tages.
Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun, aber für die Schauspielstudenten war er der erste Ansprechpartner. Ich weiß noch, wie er das erste Mal in die Klasse kam, um sich vorzustellen. Er erzählte mit einer Begeisterung von seiner Arbeit, die man sonst mehr aus den Augen eines Kindes lesen kann. Sie schien sein Lebenstraum zu sein.Ein anderes Mal trafen wir ihn in der U-Bahn und obwohl er sich mit meinen Kommilitonen über ihre Schauspielsachen unterhielt, gab er mir die Hand und fragte nach meinem Namen. Wenn ich in der Mittagspause mit S. zusammen saß und er vorbei kam, erkundigte er sich jedes Mal nach ihrem Befinden. Und jetzt ist einfach ein Mensch weg. Puff.

Ich kann mit dem Tod allgemein nicht gut umgehen.

Beim Öffnen der Facebookseite springt mir zuerst ein Beitrag mit der Nachricht entgegen, dass ein Ehepaar zufällig tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, in den Kommentaren eine Diskussion darüber, wie einsam die Menschen in der Großstadt werden können. Darunter sucht eine Frau Spenden für ein Kinderhospiz. Und darunter muss jemand sein Kaninchen einschläfern lassen.

Mir wird schlecht.

Ich war 11, als meine Omarie gestorben ist. Sie war schon eine Weile krank gewesen. Meine Mutter und meine Schwester waren sie besuchen, als es passierte. Meine Mutter beschimpfte mich dafür, dass ich nicht noch einmal bei der Oma gewesen war, denn nun würde ich sie nie wieder sehen und sollte mich schämen. Meinem Vater warf sie vor, nicht um seine Mutter zu trauern. Meine Tante verurteilte sie dafür, dass sie an dem Abend sieben Scheiben Brot aß, denn ihrer Definition nach durfte ein ernsthaft Trauernder weder essen noch schlafen.

Als ich erfuhr, dass die einäugige schwarze Katze meiner Oma eingeschläfert worden war, schloss ich mich im Badezimmer ein, weil mir die Tränen kamen. Ich hatte früh gelernt, dass man nur weinen durfte, wenn man allein war.

Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und mein Kaninchen lag tot in seinem Stall. Ich rüttelte panisch an dem Käfig, doch meine Lili bewegte sich nicht mehr. Ich rief meine Mutter auf der Arbeit an und schluchzte: "Lili ist tot! Lili ist tot!"
Sie schien nicht sonderlich überrascht zu sein: "Schön, dann können wir uns jetzt endlich eine Katze anschaffen!"
"Mama, kann ich bitte die Orchesterprobe heute ausfallen lassen?"
"Nein, Lilly. Du weißt genau, dass du danach noch die Probe mit Frau X hast. Wir treffen uns dort."
Als mich die Geigenlehrerin fragte, warum ich so rotgeweinte Augen hätte, kam meine Mutter mir zuvor und sagte, ich hätte eine Pollenallergie, nichts weiter.

Und mit 15 dachte ich schon über meinen eigenen Tod nach. Ein scharfes Küchenmesser in der Nachttischschublade und eine Blechdose gebunkerte Tabletten. Ich behielt sie gut versteckt in meinem Internatszimmer, bis ich endgültig bei meinen Eltern auszog. Sie blieben meine geheime Hintertür, mein letzter Ausweg. Wenn sie dich wieder nach Hause schicken, hast du immer noch diese eine Möglichkeit., dachte ich.

Der Tod begleitet uns bis zum Ende. Aber was ist dazwischen? Was ist jetzt? Sollten wir nicht jeden Tag nutzen, solange er noch nicht vorbei ist?
Ich kann es nicht.
Die Zeit vergeht wieder einmal ohne mich. Ich schlafe zu viel. Zehn, elf Stunden. Wenn ich aufstehe, geht die Sonne ganz schnell unter. Heute musste ich mich dreimal vergewissern, dass heute Donnerstag ist. Raus gehen ist nicht so einfach. Als mich ein Auto angehupt hat, weil ich nicht mitbekommen habe, dass ich über die Straße gehen kann, hab ich Kehrt gemacht.
Ich verstecke mich unter der Bettdecke vor den Monstern da draußen.

Ach, nächste Woche ist wieder Uni, dann ist das vorbei. Dann will ich wieder in diese Traumwelt zurück. Aushalten, einfach aushalten. Heute, morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr.
Ich überlege, ob ich nicht doch noch einmal versuchen sollte, eine Therapeutin zu finden. Aber ich hab viel zu viel Angst, wieder nur an Idioten zu geraten, die mir irgendwelche Wunderheilungen versprechen wollen für etwas, das keiner Heilung bedarf!! Ich glaube auch nicht, dass eine Therapie Sinn machen würde, solange meine Situation so instabil ist. Mit meiner früheren Therapeutin kam ich auch nur so gut klar, weil sie mich größtenteils mit diesen ganzen Übungen in Ruhe gelassen hat. Ich kann mich nicht darauf einlassen, finde es total bescheuert, mir irgendwelche Tresore oder sichere Orte vorzustellen, das macht es auch nicht besser, glaubts mir, ich habs probiert. Einmal sollte ich so Kärtchen ausschneiden und da was draufschreiben, und dann kam ernsthaft die Frage, warum ich denn die eine Karte größer geschnitten hätte, als die andere. Zufall?!
Nein, ich will nicht reden. Ich tu einfach so, als wäre nichts gewesen. Alles halb so schlimm. Ich lese täglich von Menschen, denen es viel schlechter geht als mir. Brauche nur die Zeitung aufzuschlagen. Da frage ich mich, ob meine Probleme wirklich nicht nur Glitzerweltprobleme sind?
Also, Jammermodus aus. Ich könnte schließlich alles haben, würde ich mir nicht selber Sorgen schaffen, bloß weil ich ein bisschen einsam bin.



Kommentare:

  1. Oh Liebes,
    weiß gar nicht, was ich sagen soll... Mir fehlen echt die Worte.
    Aber ich lasse dir mal eine liebe Umarmung da! ♥

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  2. Hi Lilly,
    wow... das ist wirklich irgendwie immer schockierend und traurig, wenn plötzlich jemand stirbt/sich umbringt :( Da ist man wirklich sprachlos.

    Was ich aber gerne loswerden wollte: ich glaube, du hast Probleme, die sehr wohl ernstgenommen werden können. Es ist immer leicht, sich selber zu beschuldigen, dass man sich die Probleme selber schafft und sich nur zusammenreißen müsste und disziplinieren müsste. Aber ich glaube, und das ist nicht böse gemeint, das du welche hast, die sehr viel Arbeit und Kraft erfordern, wenn man sie bewältigen will/muss und das du durchaus ein "Recht" hast Probleme zu haben und auch Hilfe zu bekommen!
    Das mit den Therapeuten ist leider immer so eine Sache... Wartelisten & Idioten! Aber ich habe bei Nummer 5 und 5 Wartelistenmonaten dann wohl, wie es bisher scheint, ein gutes Los gezogen. Gibt nicht auf und, wenn dir danach ist, dann versuch noch mal jemanden zu finden!
    Alles Liebe,
    Diana

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  3. Liebes❤
    Dieser Post hat mich wirklich zu Tränen gerührt :(

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  4. Wie gerne würd' ich dir etwas Halt geben.. <3

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  5. Hey meine Liebe,

    vielen Dank für deinen lieben Kommentar:*

    Dein Post macht mich sehr traurig...ich drücke dich feste!!
    Und nein, deine Probleme sind keinesfalls "Glitzerweltprobleme". Auf keinen Fall. Für dich wiegen sie schwer und das reicht, damit sie ernst sind!

    Alles alles Liebe und noch eine virtuelle Umarmung <3

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  6. Ohaaa, du hast echt, echt viel ausprobiert!! :D Wie schade, dass es jetzt gerade nichts mehr für dich gibt, aber klar, Geld ist da schon ein großes Hindernis.. Aber es gibt auch viele Dinge die nichts kosten! Was ich nur schade finde ist, dass das meistens Sachen sind, die man nicht unbedingt in der Gruppe macht, außer man findet gerade zufällig jemanden, der die gleichen Interessen hat, hm...
    Also der Malkurs, den ich gemacht habe, war immer das tollste für mich. :D Hab schon mit fünf meinen ersten oder so gemacht und seit da fast jedes Jahr mindestens einen (der ging so 2-3 Monate) bis ich fünfzehn war oder so.. :D Dann wurde das irgendwann auch zu teuer... Aber beim Malen kann ich einfach krass abschalten, fast so wie bei nichts anderem, und das ist toll. ;)
    Hobbyüberlastung, das hatte ich tatsächlich auch schon. :'D Wenn man aber auch so viel machen und nichts verpassen will und dazu noch in allem möglichst gut sein will, jaja... Aber gerade hab ich das gut im Griff. :)
    Überleg dir das mit dem Stricken, Stricken ist toll, ich wünschte ich wäre da geduldiger und könnte mir richtig bunte Mützen und Schals oder sogar Pullis stricken. :D
    Fühl dich umarmt!! <3

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  7. Hallo Liebes,
    ja, letztlich haben wir es beide geschafft :)
    Ich könnte mich da auch ewig drüber aufregen -.-'
    Aber du kannst stolz auf dich sein, dass du etwas gesagt hast! Das ist super. Eine starke Aktion! Aber Ärgerlich, dass es so ausgegangen ist ... :/

    Gott, ich bekam richtig Angst als ich die Überschrift gelesen habe o.O
    Es gibt so vieles zwischen dem Tod und jetzt. Aber manchmal haben wir nicht die Kraft, es wahrzunehmen. Ich würde dich jetzt gerne an die Hand nehmen und dir tausend schöne Dinge zeigen.
    Ich wünsche dir ganz viel Licht in deinem Leben.
    Alles Liebe und eine Umarmung
    Lovely

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  8. Ach du, liebe Lilly, ich hab deinen Post erst jetzt gelesen und das mit dem Dozenten tut mir leid und ich kann verstehen, dass dich das noch mehr aus der Bahn wirft.. :'(
    Ich wünsch dir ganz viel Kraft, die steckt in dir. Der Tod ist da, ja, eigentlich immer. Aber wir können immer noch entscheiden, wie viel Macht er über unser Leben hat, außer über das Ende unseres Lebens.. <3
    Alles, was ich jetzt noch sagen würde, wären ja doch nur Floskeln, deshalb pass bitte einfach auf dich auf. <3
    Ich hab dich getagged, aber ich verstehe, wenn du darauf gerade keine Lust hast, falls doch freue ich mich.
    Fühl dich gedrückt. <3

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  9. Ja, sowas erinnert einen mal kurz an die eigene Vergänglichkeit, man kriegt kurz die Krise und dann schaltet man doch wieder in den alten Trott... Ich glaube, das ist sehr menschlich.

    Danke noch für deinen letzten Kommentar <3 Die virtuelle Wärme ist angekommen :)

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