Samstag, 4. Oktober 2014

Ertiefgründet

Ich hocke mich auf die Arbeitsfläche neben der Herdplatte und hoffe, dass niemand kommt. Ich sitz da gerne, weil es in der Kindheit verboten war.
Meine Nächte sind noch immer von Schuldgefühlen zerfressen. Gestern war ich mit S. in so einer Clubbar mit diesen grauen alten abgewetzten Sofas und Sesseln, in denen man so schön versinken kann. Sie nehmen dort nur drei Euro Eintritt, aber dieses Mal waren es irgendwie fünf. S. hat Geburtstag. Eigentlich wollte sie nicht feiern, aber dann hat sie mich doch spontan gefragt, ob ich mit ihr dahin gehe. Ich hab einfach so eine kleine Flasche Jägermeister in rosa Geschenkpapier mit goldener Schleife eingepackt, die ich noch rumstehen hatte. Ich konnte ja nicht mit leeren Händen hingehen und sie hat sich sogar ehrlich gefreut, obwohl mir das irgendwie peinlich war. Wir haben nichts getrunken und einfach die Menschen um uns herum beobachtet. Die sind da immer ganz unterschiedlich. Viele ältere Leute, aber auch welche in unserem Alter. 1,80 große Barbies mit vorstehenden Rippen und bauchfreien Tops. Schicke Anzugträger. Menschen mit vielen Tattoos und Piercings. Hipster. Hippies. Alles, was man sich so vorstellen kann.
So könnte es immer sein. Gestern Nachmittag war Sunny bei mir und wir haben Eis gegessen, im Gras gesessen, Fotos angeschaut. Ich brauche nicht immer dieses ganze Weggehen und Auftakeln und all die oberflächlichen Unterhaltungen, die damit zusammenhängen. Ich könnte jeden Tag mit einem tollen Menschen in der Küche sitzen, Tee trinken und tiefgründige Gespräche führen. Aber so funktioniert das Leben scheinbar nicht. S. langweilt sich irgendwann und wir gehen in die untere Etage und setzen uns auf die Schaukel. Keine fünf Minuten später werden wir von zwei Typen mit Getränken versorgt. Eigentlich sind sie ganz witzig. Der eine kommt aus Griechenland, der andere aus Lybien und sie erzählen uns, wie langweilig sie Berlin im Gegensatz zu ihren Heimatländern finden. Doch am Ende versucht der Grieche mir seine Zunge in den Mund zu schieben, weil er denkt, ich sei bekifft genug, um ihm gefügig zu sein, und ich muss wieder einmal die Flucht ergreifen.
Als S. und ich noch auf den grauen alten abgewetzten Polstermöbeln saßen, haben wir festgestellt, dass es fast unmöglich ist, beim Ausgehen Menschen kennenzulernen. S. kennt eine Menge Leute, aber nur Männer, die sie in irgendeinem Club angegraben haben. Sie vermisst Mädchenabende. Mich nervt es, dass man sich nachts überall wie eine billige Ware fühlen muss. Von allen Seiten kommen Männer und spucken einem Schmutzigkeiten in die Ohren. Ist doch so. Und diese Art von Männern ist der Meinung, dass sie dir einfach mal ihre Hand auf den Hintern legen oder deine Haare anfassen darf.
Ich habe nur drei Stunden geschlafen und seitdem denke ich über solche Sachen nach. Vielleicht hab ich auch einfach nur das Pech, dass ständig jemand meint, mich belästigen zu müssen, selbst wenn ich mit gar keinem reden will. Ich habe überhaupt keine Lust mehr, irgendwo hinzugehen. Den Rest des Wochenendes werde ich mit Büchern, Klavierspielen und Nachdenken verbringen. Eigentlich ist Nachdenken nicht so gut, aber ich kann gerade nicht damit aufhören. Das bringt mich schon wieder zu enormen Selbstzweifeln. Zweifeln an meinem Leben. Zweifeln an der ganzen Welt. Geht es nicht immer nur um Geld, Macht und Sex? Das sind Dinge, die mir Angst machen. Ich passe nicht in diese Welt. Ich bin ein Alien.
Vielleicht, weil ich regelmäßig den Halt verliere. Jedes Mal, wenn ich den Drang habe, etwas Selbstschädigendes zu tun, ist mein erster Gedanke: Ich sollte das nicht tun. Und der zweite: Warum sollte ich das nicht tun? Auf diese Frage fällt mir zu oft keine Antwort ein. Erst hab ich gedacht, wenn es sowieso niemand sieht, dann kann ich es ja auch lassen. Wenn es aber sowieso niemanden juckt, dann kann ich es doch auch machen. Mein Verstand ist noch so weit beisammen, dass ich es  trotzdem lasse. Aber es ist so egal irgendwie. Eigentlich sollte man für sich selber leben und kämpfen und schuften. Aber ich hasse mich, wie kann ich mir also etwas Gutes tun? Oder es liegt einfach nur daran, dass Menschen keine Einzelgänger sind. Ich zumindest nicht. Ich wünsche mir nur einen winzigen Funken Beständigkeit. Und ich glaube, diese Beständigkeit kann ein Mensch sein, also vielleicht ist für andere die Familie ihre Beständigkeit, ich weiß es nicht. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht haben kann. Befinde ich mich jetzt im freien Fall? Ich hab kein Geld, bin unzufrieden mit meinem Leben und meinem Studium, will vielleicht doch keine Journalistin werden und weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Ich wünschte, es könnte mich jemand an die Hand nehmen und mir den Weg zeigen. Blöderweise bin ich erwachsen und hab meine Kindheit verpasst. Da, wo man mir vielleicht hätte beibringen können, wie leben funktioniert, war leider niemand. Sicher macht es keinen Sinn, dem nachzutrauern. Kann man denn trotzdem ein erfülltes und schönes Leben haben? Ich hätte so gern Vorbilder, Menschen, die es geschafft haben. Ich würd gern wissen, wie das geht. Will machen und nicht immer nur wollen.
Meine größte Angst ist, eines Tages so zu werden wie meine Mutter. Ich will nicht irgendwann so bitter und unzufrieden und bösartig und manipulativ sein. Ich will Menschen nicht in Untermensch und Wertmensch einteilen, ich will mich nicht immer für etwas Besseres halten, mich nicht über alles und jeden erheben, ich will nicht mit meiner Vergangenheit mein Fehlverhalten entschuldigen, ich will bitte bitte niemals so werden wie sie. Ich schäme mich dafür, dass ich sie so beschreibe, aber sie ist so. Sicher ist sie ganz tief im Inneren bloß traurig. Aber bei mir kommt das nicht an. Bei mir kommt nur ihr Hass an. Dieser grenzenlose Hass, den sie mir entgegenbringt. Und manchmal eben die Gleichgültigkeit. Das sind die zwei Seiten, die sie mir gezeigt hat. Entweder tut sie mir weh oder sie tut so, als wäre ich gar nicht da.
Gut. Ich denke, mein Gedankenerguss ist ausgegossen. Vielleicht haltet ihr mich ja nicht für völlig durchgeknallt. Bleibt so stark. ♥


Kommentare:

  1. Du bist nicht durchgeknallt und selbst wenn du ein Alien bist, was du nicht bist. Dann sind wir zusammen Aliens, die die Welt nicht verstehen und die anders sind, als die Gesellschaft. Wir bilden unsere eigene kleine Gesellschaft, weil wir in die andere Gesellschaft eben nicht rein passen. Aber du bist nicht alleine! :*
    Und mit deinen Worten sprichst du mir aus der Seele... ♥
    Fühl dich lieb umarmt! ♥

    AntwortenLöschen
  2. Ich kann das, was du schreibst, gut nachvollziehen. Aber dann denke ich wieder, dass es auch anders sein kann, anders gehen muss und dass das nicht alles im Leben sein kann... Auch wenn es nur ein schwacher Trost ist, immerhin ist die endgültige Bestätigung bislang eher ausgeblieben.

    AntwortenLöschen
  3. Ach Lilly, vielleicht bist du der einzige Mensch auf dieser grauen Welt der eben nicht durchgeknallt ist...



    AntwortenLöschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).