Montag, 9. September 2013

Wieder in ein Loch gefallen

Nachdem es mir gestern Nacht noch ziemlich schlecht ging, habe ich mir heute mal die Liste mit Therapeuten geschnappt und durchtelefoniert. Ich bin schon fast verzweifelt, weil alle, die ich persönlich am Telefon hatte, keinen Platz für mich hatten, und ich mindestens 100 Anrufbeantworter besprochen habe. Aber gerade eben hat eine Therapeutin zurückgerufen und mir direkt für diese Woche einen Termin gegeben.
Irgendetwas muss jetzt passieren, damit ich je wieder aus diesem Depri-Loch herauskomme.
Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen, die ich vor ein paar Wochen geschrieben habe, nachdem ich in der Therapie beschreiben sollte, wie es sich in dem "Loch" so anfühlt, und mir mal wieder die Worte fehlten. Hier ist sie, entstanden am 08.08.2013:

Das Loch

Das Mädchen rennt und rennt. Davon. Die Beine werden ihr schon schwer, doch die Verfolger kommen immer näher. Schneller, schneller, denkt sie. Doch ihre Beine sind schwer wie Beton.
Es ist wie in einem dieser Albträume, in denen man einfach nicht vom Fleck kommt. Doch das hier ist die Realität!
Nein, denkt sie, das kann alles nur ein langer Albtraum sein. Irgendwann werde ich aufwachen und bin ein ganz normales Mädchen, und da sind Menschen, die mich beruhigen und dann ist das alles hier ganz schnell vergessen. 
Das hier ist die Realität, die REALITÄT, meckert eine hämische Stimme hinter ihr. Sie wagt nicht zurück zu blicken. Hinter ihr liegen Verzweiflung, Angst, Einsamkeit, Enttäuschung, Kälte.
Schneller, ich muss schneller sein als SIE!
Die bösen Stimmen kichern vor sich hin. Sie wird auf einmal so müde ...
Ich kann doch jetzt nicht schlapp machen, denkt sie voller Panik.
Komm, schlaf, ruh dich aus, das hast du dir jetzt verdient, schlaf, und alles wird gut, flüstert eine sanfte Stimme in ihrem Kopf. Die Augen fallen ihr zu und sie in einen tiefen Schlaf. Sie träumt wilde Sachen. Sie trifft auf vertraute Menschen. Sie möchte um Hilfe bitten. Doch im Traum hat sie eine festgelegte Rolle. Lachend und freundlich unterhält sie sich.
Das bin nicht ich, das bin nicht ich, das bin nicht ich, schießt es ihr durch den Kopf. Sie spürt, wie sie sich immer weiter entfernt. Sie wacht langsam auf.
Es war nur ein Traum. Leider. Die Realität holt sie ein, sobald sie die Augen öffnet. 
Plötzlich fällt sie. Ganz langsam, immer tiefer. Sie will brüllen und schreien. Doch vor sich sieht sie nur eine dichte Wolke heißen Atems, die aus ihrem Mund quillt. 
Alles verläuft in Zeitlupe. Selbst ihre Gedanken, zäh wie Kaugummi. Ooohh Neeeeiiin. Waaaas passiert ...
Mit einem Ruck fällt sie in rasendem Tempo ein ganzes Stück weiter nach unten. Sie versucht, sich an den Wänden festzuhalten, doch sie sind weich und glitschig.
Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sie wieder in Zeitlupe fiel.
Sie begann zu weinen. Alle Hoffnung schien verloren. Ihre Tränen gefroren zu Eiskristallen und fielen mit einem hohlen Plopp zu Boden. Aber wo war der Boden? Wie tief musste sie noch fallen? Und wie um alles in der Welt sollte sie wieder nach oben gelangen?
Immer häufiger gab es so einen Ruck. Jede einzelne Zelle in ihrem Körper war mit Angst gefüllt.
Wenn ich doch nur schon unten wäre, dachte sie. Nichts war schlimmer als dieses Fallen. Selbst den Tod würde sie dem vorziehen. Der Tod, ein kaltes Nichts oder doch eine warme weiche Wolke?
Sie hatte sich von dem Gedanken verabschiedet, dass sie je wieder nach oben, ins Leben, zurückkehren konnte. Es gab keinen Ausweg.
Die Welle der Angst überrollte sie, hüllte sie ein, hielt sie fest und ließ nie wieder los.
Kalte Finger schlängelten sich um ihre Handgelenke und reichten ihr Klingen und Gift. 
Aber ich will doch nicht sterben!, heulte sie. 
Warum konnte nicht einfach jemand kommen und sie hier herausziehen?
Du glaubst doch nicht, dass sich irgendjemand für deine Situation hier interessiert? Die Stimme über ihr brüllte vor Lachen: Du bist doch selber SCHULD!
Irgendwann würden diese Stimmen sie noch dazu bringen, sich nichts sehnlicher als den Tod zu wünschen. 
Nein, nein, nein! Sie trat gegen die Wände, schlug wild um sich.
Ruhe, Ruhe, Ruhe, fuhr sie die Stimmen an. Die lachten sie aus. Ich will verdammt nochmal hier raus!, dachte sie, kochend vor Wut. 
Doch ihr Widerstand machte alles nur noch schlimmer. Drehte sie nun völlig durch? Sie wusste es nicht.
Sie wusste nur, dass sie nicht sterben wollte und nicht leben konnte ... 

ENDE

Ich weiß, da wechselt mittendrin die Zeitform, aber ich wollte das im Nachhinein nicht ändern.
Das klingt schon alles sehr deprimierend und auswegslos. Aber genau so fühlt es sich an.
Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Phasen auch wieder vorbei gehen.
Man muss nur - abwarten. Oh ja, ich hasse das auch! Ich bin so ungeduldig!
Es gibt oft Menschen, die einem sagen: "Das wird schon wieder", und man selbst denkt sich dann "Na toll."
Aber letztendlich stimmt das schon in einem gewissen Maß.
Ich weiß nicht, ob es eine Möglichkeit gibt, das ganze zu beschleunigen und sich selbst aus dem Loch zu ziehen. Ich habe sie jedenfalls noch nicht gefunden.
Aber was man versuchen kann, ist, sich nicht ganz und gar von der Sache einnehmen zu lassen, nicht noch tiefer zu fallen. Man kann versuchen, das Fallen zu stoppen. Und man darf niemals aufgeben!!!
Okay, wenn man in einen Sumpf fällt und sich dagegen wehrt, sinkt man trotzdem. Aber wenn man sich nicht bewegt, sinkt man doch auch! Ich meine, man hat in dieser Situation nicht viel zu verlieren.
Ich versuche also, mich am Leben festzuhalten. Dazu muss ich mich oft zwingen.
Ich zwinge mich, morgens aufzustehen und wenn ich nicht zur gewohnten Zeit aufwache, dann stelle ich mir eben einen Wecker. Ich zwinge mich unter die Dusche und in straßentaugliche Klamotten. Ich zwinge mich, vor die Tür zu gehen, auch wenn es nur zum einkaufen oder für einen Spaziergang ist. Ich verabrede mich, auch wenn ich eigentlich niemanden sehen will. Ich zwinge mich dazu, aufzuräumen und abzuspülen.
Nein, das ist nicht einfach, ich scheitere oft genug daran.
Dann versuche ich, irgendwo her Hilfe zu bekommen, was leider auch nicht ganz einfach ist.
Aber ganz oft merke ich irgendwann einfach, dass ich wieder da bin. Dass die depressive Phase vorbei ist. Ich kann nicht sagen, wie es dazu kommt oder was dazu beiträgt. Jedenfalls lohnt es sich, abzuwarten.
Ich weiß immer, dass es auch wieder vorbeigehen wird. 
Jetzt wollte ich eigentlich Mut machen. Aber leider weiß ich auch immer, dass irgendwann wieder eine depressive Phase kommen wird. 
Wie man das endgültig besiegt, habe ich noch nicht herausgefunden.


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