Sonntag, 15. September 2013

Nachtschwärmerei

Nun dauert es nicht mehr lange bis es hell wird und ich kann endlich unter die warme Bettdecke schlüpfen. Manchmal wundert mich, dass selbst endlose Nächte doch immer wieder ein Ende haben. An diesem Sonntagmorgen liegen zwei dieser ganz besonderen Nächte hinter mir.
In Gedanken lasse ich die Zeit rückwärts laufen. Gehe rückwärts aus der Tür hinaus und sitze wieder in der S-Bahn. Lasse den Obdachlosen mit seiner Zeitung rückwärts durch den Gang trotten. Die Schlange am Coffee Shop wieder länger werden. Zurück in der fremden Wohnung mit dem lauten Gelächter über schlagfertige Antworten und schlechte Witze. Schüsseln mit Spaghetti auf dem Schoß. Der widerliche Kräuterschnaps fließt zurück in sein Fläschchen. Der nervige Typ neben mir, der mit zunehmender Trunkenheit immer ausschweifender aus seinem Leben, das ihn so unzufrieden macht, erzählt, wird wieder ruhiger.
Zurück auf der Straße, scherzend über den Jungen, der versucht, sich an den Weg zu seiner Wohnung zu erinnern. Meine quengelnde Stimme, die "Ist es noch weit?" fragt, sonderbar, die Worte rückwärts zu hören. Wieder im Irish Pub mit der müden Bedienung, in dem wir beschlossen, uns vom Jüngsten der Runde (diesmal nicht ich) bekochen zu lassen.
Zurück in der gemütlichen Shisha-Bar, in der alles anfing. Der Rauch in lila, grün und gelb angestrahlt. Cocktails mit Tequila. Ich darf einen Blick hinter die scheinbar so oberflächliche Fassade dieses offen-ausgeflippten Mädchens werfen, entdecke einen Abgrund während des tiefgründigen Gesprächs. Ich spüre einen Hauch des Schmerzes, der viel größer sein muss als meiner. Ich bewundere die Stärke. Und ich bin so froh, dass so "normale" Menschen, denen man es gar nicht ansieht, ein bisschen mehr wie ich sind.
In der Nacht davor konnte ich das umgekehrte Phänomen bei einer anderen erleben. Ich kenne die Hintergründe und Abgründe, den Schmerz und den Kampf. Und nur durch dieses Wissen erschien es mir ein wenig grotesk, was ich sah. Ich konnte nicht unterscheiden zwischen dem in jedem Fall da gewesenen ehrlichen und aufrichtigen Auftreten von Freude und Glück und dem vielleicht schwierigen, aufgesetzten, erzwungenen. Ich konnte es nur erahnen. Und ohne das Vorwissen hätte ich wohl einen ganz anderen Menschen kennengelernt.
So schön alles sein kann, die Sache mit der Maske ist immer präsent. Ob nicht jeder eine Maske trägt? Man kann es nie genau wissen, weil man es nicht überprüfen kann. Einige Masken sind einfach zu perfektioniert.
Und dann sitze ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause und beobachte die Menschen und versuche zu erraten, was hinter den leeren, manchmal ausdruckslosen Gesichtern vor sich geht. Sie lesen, schreiben, zeichnen, schlafen, reden, trinken Kaffee oder hören Musik. Man weiß nie, welche Gedanken dahinter stecken. So kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen und sich für jeden eine Geschichte ausdenken. Gerade nachts hat das seinen besonderen Reiz.
Nun ist es tatsächlich hell geworden. Damit entlasse ich euch in den Tag und mich in den Schlaf. :)

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