Donnerstag, 19. September 2013

Geldsucht


Ein Teil meines Lebens läuft gerade richtig gut. Der Wohnortswechsel, die Entfernung zu meiner "Familie" und die neuen Leute tun mir sehr gut. Die eine, die mich versteht, zusammensitzen, reden, die Zeit vergessen. Nachtaktivität. Großstadt. Veränderung. Bald fängt das Studium an.
Aber es gibt auch noch den anderen Teil, der, auch wenn er es nicht zugeben möchte, ein bisschen Hilfe gut gebrauchen könnte. Nur, was, wenn niemand hilft?
Was ich sagen will: Ich habe die ganze lange Liste mit Therapeuten, die ich von der Beratungsstelle bekommen habe, durchtelefoniert. Ich stehe auf keiner Warteliste und ich habe auch keine weiteren Probetermine bekommen außer den zwei verpatzten. (Nein, die von gestern gibt mir keine zweite Chance). Kein Platz für mich. Das Ding ist: Hätte ich mir für eine Stunde 80 € aus dem Kreuz geleiert, hätte es überhaupt kein Problem gegeben. Geld macht alles möglich.
Da sagt einem ständig jeder, dass man nur selbst Hilfe wollen muss, dann wäre es ganz leicht. Man müsse sich nur um sich kümmern.
Ich will Hilfe, ich suche sie und kümmere mich darum. Aber ich bekomme keine.
Das macht mich so wütend! Dass sich alles nur ums Geld dreht. Wäre ich Privatpatient oder hätte wahnsinnig viel Kohle, würde man mir die Therapieplätze wahrscheinlich hinterher werfen.
Die Beratungsstelle kostet Geld. Die regelmäßigen Gruppenangebote kosten Geld. Mein Studium kostet Geld. Meine Wohnung kostet zu viel Geld. Ich habe kein Geld.
Ich verstehe jetzt, warum so viele aufgeben. Ich bin manchmal auch ganz nah dran, aufzugeben. Nein, nicht was ihr jetzt vielleicht denkt. Ich würde mich niemals umbringen oder so. Dafür bin ich dann doch schon zu weit gekommen. Aber aufgeben heißt für mich auch, mich gehen zu lassen. Mir selbst zu schaden. Weiter mit dem Fressen und Kotzen zu machen. Oder mich einfach nur aus Protest wieder stärker darum zu bemühen, abzunehmen. Nicht mehr vor die Tür zu gehen. Den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Mich um gar nichts mehr zu kümmern. Die Mir-ist-alles-egal-Haltung einnehmen.
Obwohl es mir so gut geht, merke ich doch, dass ich mal wieder mit jemandem reden sollte. Und zwar ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Also jemanden, der neutral ist.
Ich bin so wütend und enttäuscht!
In letzter Zeit ist der Drang, mich zu verletzen so verdammt hoch. Heute morgen habe ich mich beim Rasieren geschnitten, es war ein Versehen, und es wollte nicht aufhören zu bluten. Das hat mich irgendwie daran erinnert, wie Ritzen ist. Dazu muss ich sagen, dass ich es wirklich lange nicht mehr gemacht habe. Zwei Jahre, glaube ich. Ich will das Blut sehen und ich schäme mich dafür. Ich. Darf. Nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es mir körperlich jetzt wieder ganz gut ging. (?)
Heute habe endlich wieder Abführmittel bekommen. Ich weiß, dass das nicht gut ist, aber die werden mich davon ablenken. Sind ja höllische Schmerzen. Ich muss die nehmen, denn irgendwann muss es ja mal raus, wenn ihr versteht was ich meine.
Ich dachte immer, Essstörungen wären einfach eine "normalere" Krankheit, die auch "normale" Mädchen haben. Die man besser versteht. Die bemerkt und gesehen wird. Die zu Sorge um mich führt. Die nach außen zeigt, wie schlecht es mir geht. Oder wie schlecht ich mir immer einbilde, dass es mir geht. Das ist so respektlos denen gegenüber, denen es wirklich schlecht geht, das tut mir leid.
Deshalb jedenfalls habe ich die Essstörung "gewählt".  Aber was ich damit erreichen wollte, das ist ja so sinnlos, das bringt überhaupt nichts, weil es einfach niemanden gibt in meinem Leben, der mich sieht.
Und Essstörungen sind einfach nur eklig. Und auf Verständnis kann man lange warten, schließlich hat man es ja selbst so gewollt.
Ich weiß nicht mehr weiter.
Jetzt habe ich auch keine Lust mehr, weiterzumachen, weiter zu suchen, mich zu kümmern. Wozu? Mich will ja doch keiner. Bitte, dann will ich auch nicht mehr gesund werden. Das klingt jetzt trotzig und kindisch, aber genauso ist es doch überall. Überall Gier und Geldsucht. Haben wollen, haben wollen. Nur darum geht es. Ganz allein darum. Traurig.


Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. hey süße,Erst mal freue ich mich natülich das es dir einerseits schon durch den wohnungsortwechsel besser geht aber andereseits finde ich es auch sehr traurig,dass du wieder so viel ablehnung erfahren musst.
    Ich verstehe deine "trotzige" reaktion,so reagiere ich auch oft.
    Irgendwann hat man einfach keine lust,keine kraft mehr weiter zu kämpfen weil man denkt,es macht doch eh keinen sinn.
    Es ist wirklich traurig das du in unserer heutigen gesellschaft nur noch hilfe bekommst wenn du das nötige kleingeld hast,es macht aber auch sehr wütend,warum haben leute mit geld eher das recht gesund zu werden...
    fühl dich aufjedenfall gedrückt von mir!

    ich hab dich lieb :*

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